Workshop zur Leaky Pipeline Studie an der TU Wien

Wann: 14. November 2011, 17-20 Uhr

Wo: Seminarraum in der Hauptbibliothek, Resselgasse 4

Der Workshop ist für alle Leute die das Thema interessiert und wird von einer der Studienautorinnen, Elisabeth Günther, gehalten. Es werden vor allem die Studienteile genauer behandel, die besonders für Studierende relevant sind. Eventuell können wir auch Handlungsspielräume für die HTU in Zusammenhang mit dem Thema finden. Anmeldung ist erwünscht (frauen@htu.at) aber nicht Pflicht.

Motivation zur Studie

Seit mehreren Jahren bemüht sich die TU Wien aktiv, mehr Mädchen und Frauen für die Technik zu interessieren um damit den Frauenanteil an der TU Wien sowohl bei den Studierenden als auch bei den Mitarbeiterinnen signifikant zu erhöhen.

Im Auftrag des Rektorats ging Prof.in Sabine Köszegi mit einem interdisziplinären Forscherinnenteam (Dr.in Marita Haas, Mag.a Elisabeth Günther, MMag.a Christina Keinert, Mag.a Eva Zedlacher) der Frage nach, warum der Frauenanteil in allen Studienrichtungen und Fakultäten entlang der Karriereleiter kontinuierlich und stark überproportional sinkt. Die Hoffnung der Vergangenheit, dass sich durch einen stärkeren Andrang von Frauen in technische und naturwissenschaftliche Studienrichtungen längerfristig auch mehr Frauen in einer wissenschaftlichen Karriere und in höheren Hierarchieebenen finden, hat sich bisher nicht erfüllt.

Die "Leaky Pipeline" ist leider ein sehr persistentes und vor allem im ingenieurwissenschaftlichen und technischen Bereichen ein besonders ausgeprägtes Phänomen. In vier verschiedenen Teilstudien wurde den folgenden Fragen nachgegangen: (1) Haben Frauen ein höheres Dropout Risiko im Studium?, (2) Führen Geschlechterrollenstereotype zu diskriminierenden Personalauswahlentscheidungen?, (3) Wie sind die Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer an der TU Wien? und schließlich (4) Wie erleben Studentinnen und Wissenschaftlerinnen ihr Umfeld an der TU Wien?

Für die designierte Vizerektorin für Personal und Gender liefern die umfassenden Erkenntnisse die Grundlage für nachhaltige Maßnahmen gegen die Leaky Pipeline: "Die Ergebnisse aus dem Leaky Pipeline Projekt sind schockierend und bedeuten einen klaren Arbeitsauftrag sowohl für die TU Wien als Organisation als auch für mich als Vizerektorin", sagt Mag.a Anna Steiger.

Quelle: http://www.tuwien.ac.at/aktuelles/news_detail/article/7042/

Artikel des Frauenreferates zur Studie

Die Pipeline ist leck

Im Hörsaal sind überwiegend männliche Studierende*. Wer kennt das nicht? Frauen* muss man zwar mittlerweile nicht mehr mit der Lupe suchen, aber ausgewogen sind die Verhältnisse bei weitem nicht und werden im Laufe des Studiums sogar immer schlechter. Das Drop-out-Risiko für Frauen* an der TU wurde nun durch eine Leaky-Pipeline-Studie mit Zahlen untermauert.[1]

Was ist die Leaky Pipeline?

Der Begriff „Leaky-Pipeline“ stammt aus den USA und soll zum Ausdruck bringen, wie der Frauen*anteil im Verlauf der Karrierestufen abnimmt. In Analogie zu einer lecken Pipeline scheinen viele Frauen* bei jeder Karriereebene zu „versickern“, etwa durch Unvereinbarkeit von Beruf und Familie oder Diskriminierung. An der TU Wien ist diese Pipeline besonders leck, wie durch die Studie gezeigt wird. Nur auf der Architektur, als einzige Studienrichtung, gibt es derzeit eine Beginner*innenquote von 50%. Blickt man einige Karriereebenen hoch zu den Professor*innen, so fällt der Frauen*anteil rasch auf 17% ab. Gleich oder schlechter sieht es in den anderen Studienrichtungen aus.

Die Studie wurde unter der Leitung von Prof.in Sabine Köszegi in vier Teilgebieten erarbeitet:

„Geschlecht zählt?!“

Dieser Teil der Studie arbeitet heraus, was die Ursachen für den höheren Drop-out von Frauen* sind und quantifiziert die Anzahl an Studienabbrecher*innen. Dazu wurden Inskriptions- und Abschlussdaten von Studierenden* der Jahre 1998 bis 2010 ausgewertet, wobei jene, die niemals eine Prüfungsleistung erbracht hatten vorher aussortiert wurden. Es stellte sich heraus, dass die Abbruchquote für Studentinnen* um 30% höher liegt, als die ihrer männlichen Kollegen*. Dieses Ergebnis änderte sich auch für Frauen* mit guter technischer Vorbildung etwa durch eine HTL nicht. Daraus wird in der Studie geschlossen, dass es nicht an mangelnden Vorkenntnissen der Frauen* liegt, sondern daran welches Umfeld sie an der TU vorfinden. Im Bachelor ist der Anteil von Studentinnen*, die ein Studium abbrechen gleich um 50% höher. Hier gibt es bisher jedoch erst zwei analysierte Jahrgänge. Nur bei den Lehramtsstudierenden läuft der Hase andersrum – dort ist das Abbruchrisiko für Frauen* geringer als bei den männlichen Lehramtsstudierenden*. Durch die Unterteilung der Studien in Bachelor und Master gehen leider zusätzlich noch mehr Frauen* nach dem Bachelorabschluss verloren, ohne einen Master anzuhängen.

„Der Supermitarbeiter“

In diesem Studienteile wurden Personalauswahlentscheidungen an der TU untersucht. Um die Personalauswahl besser verstehen zu können, wurden fiktive Bewerbungsszenarien hergestellt, die von unterschiedlichen Personengruppen der TU bewertet wurden. Es gab vier unterschiedliche Szenarien, jeweils 3 Frauen und 3 Männer mit unterschiedlichen Genderprofilen[2] als Bewerber*innen. Die Ergebnisse zeigen, dass hausinterne Kandidat*innen einen Vorteil haben und Frauen* systematisch schlechter bewertet werden, wenn sie in den Bewerbungsunterlagen als Frauen erkennbar sind, während bei Männern* der entgegengesetzte Effekt eintritt.

„Fremde Galaxien“

Eine positive Bilanz konnte die Mobbingstudie ziehen. An der TU gibt es im Verhältnis zu anderen Unis eine recht niedrige Mobbingrate.

„Der Weg und das Ziel“

In diesem Teil der Studie wurden Frauen* zu ihrer Karriere bzw. ihrem Karriereausstieg von der TU befragt. Es zeigte sich, dass es im Wesentlichen zwei Sichtweisen gibt, wie Frauen* den Verlauf ihres Lebens einschätzen. Einerseits gibt es solche, die sagen: „Mein Leben ist ganz normal verlaufen“, und andererseits jene, die sich als „Ich bin anders“ zusammenfassen würden. Erstere versuchten sich tendenziell eher an die Bedingungen anzupassen und wollen als „ganz normal“ wahrgenommen werden. Diejenigen, die sich als „anders“ empfanden reflektierten öfter über Hürden in ihrer Laufbahn und über ihre Sonderrolle als Frau* in einer Männerdomäne. Beide Gruppen gaben an, einen hohen Assimilationsdruck von außen zu spüren und als Frauen* sehr aufzufallen. Außerdem findet sich in fast allen Biografien erfolgreicher Frauen* an der TU ein männlicher Förderer*, der den Karriereverlauf der Frauen* wesentlich beeinflusste und ohne den sie keinen Zutritt in das System bekommen hätten.

Dadurch, dass es zu den hier dargestellten Problemen an der TU nun konkrete Zahlen gibt und Ursachenforschung betrieben wird, können hoffentlich in Zukunft konkrete Maßnahmen gesetzt werden, um mehr Frauen* und Männer* an der TU zu halten.

Quellen:

Veröffentlichung der Studie

Executive Summary pdf

[1] Die Sternchen im Artikel sind eine Form von gendergerechter Sprache. Sie sollen nicht nur biologische Frauen oder Männer sondern auch alle Personen die sich keiner der beiden Gruppen zugehörig fühlen einschließen, z.B. Intersexuelle oder Transgender.

[2] Genderprofile: In den Bewerbungsunterlagen wurden den Personen bestimmte Eigenschaften die männlich oder weiblich konnotiert sind, zugeordnet, wie z.B. eine biologische Frau mit eher typisch männlichen Eigenschaften, wie „kann auf Augenhöhe verhandeln“.

-- SarahReisenbauer - 06 Nov 2011
Topic revision: r3 - 24 Jan 2012 - 12:09:59 - SarahReisenbauer
 

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