Vorsitzcorner
Was sich alles nicht geändert hat

Eine Schlagzeile in der Presse hat mich neulich doch sehr amüsiert, ein wenig verärgert, etwas nachdenklich gestimmt. „Uni-Protest geht auf Kosten der Lehrveranstaltungen“, springt mir da entgegen. Im Text jammern Sprecher der Uni Wien, dass sie ja eigentlich so viele neue Lehrveranstaltungen anbieten wollten, um die Studienbedingungen zu verbessern. Aber das ist jetzt leider nicht möglich, da die Studierenden-Proteste ja so viel Geld verschlungen hätten. Das war der Teil, der mich amüsiert hat. Welch wunderbare Ironie. Da will man doch tatsächlich die Schuld an den finanziellen Problemen gerade denen anhaften, die sich wochenlang dafür eingesetzt haben, ebendiese offenzulegen und darüber zu diskutieren, um sie vielleicht sogar zu lösen.

Bei meinen weiteren Gedankengängen hat mich das dann doch verärgert, waren doch die Unis selbst die Trittbrettfahrer, die von einem Erfolg der Proteste in dieser Richtung ebenso profitiert hätten, wie die Protestierenden selbst, und das – und dessen waren sie sich wohl vollkommen bewusst, denn dementsprechend haben sie sich verhalten – ohne selbst einen Finger krumm zu machen.

Im Nachhinein hat mir das ganze sehr zu denken gegeben. Proteste und Demonstrationen gehören ja meiner Meinung nach zu einer funktionierenden Demokratie dazu. Aber, dass man die Leute sich einfach ausplärren lässt und dann so weitermacht wie vorher, das hätte ich mir – und so geht es wohl auch vielen anderen – nicht so vorgestellt. Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich nichts geändert hat, sind die anstehenden Zugangsbeschränkungen des Architekturstudiums. Wie zum Trotz geht es also genau in die entgegengesetzte Richtung, zu der, die die Protestierenden vorgeben wollten. „Zugangsbeschränkungen für alle“ lautet die neue Devise. Zumindest für alle Architektinnen und Architekten, aber die Zukunft ist ja noch jung.

Wie diese Zugangsbeschränkungen ausschauen sollen, ist noch unklar, sicher ist nur der Zweck – und der ist nicht etwa, die Anfängerinnen und Anfänger nach Begabung zu selektieren (wobei mir auch in diesem Fall nicht klar wäre, wie das möglich sein sollte noch bevor der- oder diejenige das Studium überhaupt begonnen hat), sondern in erster Linie, die Studierendenzahl zu verringern – ganz unabhängig von Begabungen, Interessen oder Talenten.

Aber dass Quantität mehr zählt als Qualität ist spätestens seit Bologna ohnehin klar, geht es doch nur noch um das Produzieren von Diplomen und nicht mehr um das Ausbilden von Akademikern (und auch Innen). Daran wird sich, wie es aussieht, in nächster Zeit auch nichts ändern, denn es gibt keine Bestrebungen in diese Richtung. Trotz der Proteste. Denn es hat sich rein gar nichts geändert.

Schade.

Jasmin ist für eine demokratischere Demokratie.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:02 - Main.UnknownUser
 

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