Es ist genug MINT für alle da!

Ihr habt sie sicher schon gehört, die Erzählungen über schlechte Betreuungsverhältnisse, überfüllte Hörsäle und etwaige Zugangsbeschränkungen in den Massenstudien.

Doch das Schlimmste sind wohl die Jobaussichten. Denn wer kennt sie nicht, die Geschichte-, Philosophie- und SoziologieabsolventInnen, die als TaxifahrerInnen enden.

Aber mit diesen Problemen müsst ihr Mathematik-, Informatik-, Naturwissenschaften- und Technik (kurz MINT) Studierende euch nicht herumschlagen. Ihr befindet euch in einem Studium der Seligen, wo aussreichend Platz in der Hörsälen ist, nie versiegende Laborplätze auf neuestem Stand der Technik existieren und insgesamt paradiesische Rahmenbedingen vorherrschen – zumindest, wenn man dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (kurz BMWF) Glauben schenkt.

Seit diesem Sommer zieren hippe PfefferMINTz-Bonbons sämtliche Werbeflächen. Damit wirbt das BMWF um mehr Studierende in den MINT-Fächern.

Der erste Aufmacher: “Studieren was nicht alle studieren” blinkt uns auf virtuellen Werbebannern entgegen. Dieser Slogan soll suggerieren, dass diese Studien etwas besonderes sind, weil sich nur wenige Leute für diese Fächer interessieren – man hebt sich von der Masse ab.

Etwas näher betrachtet zerbröckelt das Bild allerdings. Bei nüchterner Analyse der Studierendenzahlen zeigt sich, dass die Informatik – also das I in MINT – eines der beliebtesten Studien Österreichs ist. Auch hier ist das Betreuungsverhältnis schlecht, es gibt harte Prüfungsketten und den Versuch, Studierende “zu selektieren”. Einzig die Tatsache, dass die Wirtschaft nach mehr InformatikabsolventInnen trachtet, bewahrt das Informatikstudium davor, als Massenstudium zu gelten. Massenstudium ist also das Label, das man Studien aufdrückt, die keine direkte wirtschaftliche Verwertbarkeit haben.

Diese These führt uns direkt zur Hauptmotiviation hinter der Ministeriumskampagne. Beatrix Karl erkärt im Onlineauftritt der MINT-Initiative gleich zu Beginn: “Es gibt gute Gründe, sich für ein MINT-Studium zu entscheiden: Die Nachfrage nach Absolventinnen und Absolventen im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik in der Wirtschaft steigt und es erwarten Sie tolle Jobaussichten. “ Außerdem könne man “später mit einem guten Einkommen rechnen”.

Hier stehen klar die Berufssausichten und die Verwertung der AbsolventInnen für die Wirtschaft im Vordergrund. Das BMWF sieht die Universität offensichtlich als Ausbildungsstätte für zukünftige Arbeitskräfte und nicht als Ort einer gesellschaftkritischen Auseinandersetzung, die aber eine der Grundaufgaben der Unveristät in einer modernen Gesellschaft sein sollte.

Neben den eben dargelegten wirtschaftlichen Interessen nützt Ministerin Karl die Kampagne auch, um die aktuelle Lage an den österreichischen Unis zu verschleiern. Nicht nur an den ungerecht geringgeschätzten geisteswissenschaftlichen “Massenstudien” bestehen miserable Studienbedingungen, auch die hochgelobten Naturwissenschaften arbeiten am Kapazitätslimit. Die wenigen Laborplätze werden zeitlich maximal ausgenützt, und das bei minimaler Betreuung – vom technischen Stand der Geräte gar nicht erst zu reden. Fakt ist, dass es keine Studien gibt, die unbegrenzt mehr Leute aufnehmen können, jedes einzelne ist auf die aktuellen Studierendenzahlen ausgelegt. Wenn mehr Studierende aufgenommen werden sollen, braucht man mehr Hörsäle, die Labors müssen ausgebaut und mehr Lehrpersonal angestellt werden.

All dies ist nur mit ausreichender Finanzierung möglich. Diese stellt die Bundesregierung aber nicht einmal in Aussicht. Anders als noch vor wenigen Jahren, als eine stetige Budgeterhöhung angekündigt wurde, müssen die Universitäten nun sogar noch mit weiteren Kürzungen rechnen. Über permanenten Geldmangel tröstet eine oberflächliche Werbekampagne wie die “MINT-Informations­offensive” allerdings nicht hinweg.

Statt Werbeinitiativen mit Verwertungslogik wäre es doch einmal schön, den Slogan zu hören: Menschen, egal, welcher Herkunft und Vorbildung, kommt an die Uni und bildet euch – der Staat übernimmt die Kosten!

Carina und Meni glauben an Utopien.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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