Mannomann
Zwei aktuelle Publikationen zu Fragen männlicher Identitäten

An der Spitze Russlands, dessen männliche Bevölkerung eine alkoholbedingte Lebenserwartung von 61 Jahren hat, steht mit Ministerpräsident Putin ein Mann, der sich gerne mit nacktem Oberkörper auf der Tigerjagd ablichten lässt. Italien, das Paradies der Muttersöhnchen und Korruption, wird von einem 74-jährigen angeführt, der sich stolz als Lustmolch inszeniert.

Mit plakativen Beispielen führt Ute Scheub, Journalistin und Mitbegründerin der taz, an ihre zentralen Thesen heran: Wir leben in einer Zeit der männlichen Identitätskrisen. Zwei Syndrome sind zu beobachten: Männer, die daran zerbrechen, dass ihre Identitätskonzepte – Stichworte Ernährer und Entscheider – aufgrund fehlender ökonomischer Sicherheit und submissiver Gattinnen nicht mehr realitätskompatibel sind, und sich in Arbeitslosigkeits- und Alkoholismusstatistiken einfinden.

Auf der anderen Seite wären jene, die einen neurotischen Kult ihres Männlichkeitskonzepts betreiben und sich mit Risikoverhalten und Machtgehabe inszenieren. Tun sie das an der Spitze eines Staates, kann ihnen die Bewunderung der Massen zuteil werden, tun sie das im Finanzkapitalismus, kann sich das Bürgertum für ihre „Leistungsorientierung“ begeistern – zumindest bis zur nächsten Krise.

Speziell das Zusammentreffen beider Syndrome führt aber zu einem Mix, der sich bevorzugt in Gewalt entlädt – von Beziehungsgewalt bis zu Krieg und Terrorismus.

Opfer des Mythos

Wo liegen nun die Wurzeln dieses Dilemmas? Keinesfalls im Biologischen, ist die Autorin überzeugt. Sie sieht – in der Tradition Simone de Beauvoirs – Menschen zu Frauen und Männern „gemacht“ durch eine Jahrtausende alte Tradition von Heldenmythen und Rollenbildern. Die individuellen Krisen solcher Rollenbilder und ihre oft fatalen Wirkungen schildert sie anschaulich an Beispielen von Soldaten, Rappern und Terroristen.

Allein – die These des großen globalen Paradigmenwechsels, der gerade jetzt durch den sich ad absurdum führenden Männlichkeitsmythos einstelle, bleibt etwas holprig. Das Phänomen gewalttätiger männlicher Modernisierungsverlierer ist spätestens seit Georg Büchners Wotzek literaturnotorisch. Von angry young men, die aus ihrer heimatlichen Chancen- oder (oft wohlstandsbedingten) Illusionslosigkeit auf Identitätssuche in das gewalttätige Abenteuer aufbrechen, ist die griechische und fast jede andere Mythologie voll. Und die kollektiven Identitätskrisen, die das Entstehen kriegerischer Konflikte seit jeher beflügeln, waren und sind keineswegs immer geschlechteridentitärer Natur. Letztlich schwingt in der Tendenz, die heimatlichen Beobachtungen zu „globalisieren“ ein wenig der Euphorie mit, die Francis Fukuyama 1989 im Fall des Kommunismus das „Ende der Geschichte“ sehen ließ.

Das Fazit der Autorin gibt sich denn auch mit einem Plädoyer für Gleichberechtigung und ein modernes Männerbild bedeutend bescheidener. Gerne hätte man die 400-Seiten-Odyssee durch Ilias, Anthropologie, NS-Forschung, Islamismusanalyse und Männerforschung zugunsten einer ausführlicheren Schilderung eben jenes Bildes des modernen Mannes gekürzt.

Soziolgie mit politischer Sprengkraft

Methodisch und stilistisch diametral anders präsentiert sich das Buch Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt der türkischen Soziologin Pınar Selek. Die Autorin, die wegen fragwürdiger gerichtlicher Verfolgung in der Türkei im Exil in Deutschland lebt, analysiert die Rolle des Militärdienstes bei der Konstruktion der Geschlechteridentität türkischer Männer.

Der Militärdienst ist wohl in jedem Fall eine prägende Erfahrung. Im Falle der Türkei findet er aber in einem besonderen Spannungsfeld statt: im Wechselspiel sozialer und religiöser Traditionen einerseits und der politischen Tradition eines Landes, in dem die Armee lange Zeit das Monopol auf das Erbe des großen Reformers Kemal Atatürks beanspruchte. Insbesonders für junge Menschen aus ländlichen Regionen ist der Militärdienst die erste Entfremdung ihrer Heimatumgebung, die von ihnen erwartet, als „Männer“ zurückzukehren, initiiert in alles, was „Männlichkeit“ ausmacht. Der Druckkochtopf Militär erfüllt dabei in einem erstaunlichen Zusammenspiel von Eigendynamik und Lenkung die Erwartungshaltung, das Unterordnen unter und Ausüben von Autorität zu lehren.

Pınar Selek geht mit wissenschaftlicher Akribie vor. Zwar ist die Studie thematisch unterteilt, eine rhetorische Zuspitzung der Zitate der 58 Gesprächspartner versagt sich die Autorin jedoch, zurückhaltend sind die erklärenden Kommentare.

Will man eine Gesellschaft verstehen, müsse man bevorzugt die Kulminationspunkte von Prozessen und Entwicklungen betrachten, begründet die Soziologin Selek ihr Interesse am Militärdienst. Will man das Patriarchat bekämpfen, muss man seine Funktionsmechanismen verstehen, so die Feministin Selek. Zumindest die Erkenntnisse aus Letzterem sind definitiv überregional relevant.

Gregor hat keinen Wehrdienst geleistet.

Ute Scheub, Heldendämmerung. Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist, München: Pantheon, 2010

Pınar Selek, Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt. Männliche Identitäten, Berlin: Orlando, 2010
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:05 - Main.UnknownUser
 

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