Zeichensäle ade?
Ein Plädoyer für studentischen Raum

In der Diskussion um studentische Freiflächen ist es von allen Seiten erschreckend ruhig geworden. Raum für Reflexion, Kontemplation oder Kommunikation im Studium wird mittlerweile sogar von vielen Studierenden als Luxus angesehen. Dass es sich dabei um eine wesentliche Grundlage des (akademischen) Austauschs handelt, scheint in der ökonomischen Betrachtung der Quadratmeter nicht mitgedacht zu werden.

Freiräume haben in der Architektur und im Städtebau die Aufgabe ein Handeln ohne Nutzungsimperativ zu ermöglichen. Hier wird das Unvorhersehbare und Zufällige zugelassen und Platz für soziales und kulturelles Tätigsein verfügbar gemacht. Verwaltungsinstanzen stehen der Einrichtung solcher Räume naturgemäß skeptisch gegenüber, lässt sich ihr Mehrwert doch nicht unmittelbar festmachen. Sie werden daher bei knappen Ressourcen als erstes verdrängt.

Der Mangel solcher Flächen zeigt sich an der TU, wenn Gänge und Nischen trotz ihrer räumlich schlechteren Rahmenbedingungen zwangsläufig als Kommunikations- und Arbeitsorte dienen. Im Architekturstudium, wie auch in vielen anderen Studienrichtungen, sind selbstverwaltete Flächen eine unabdingbare Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit der Materie. Eine Architektin soll ein umfassendes Verständnis von Raum an sich in unterschiedlichen Maßstäben entwickeln und zur Spezialistin von dessen Nutzungskonzeption werden. Sie braucht also Raum als Werkzeug, mit dem sie arbeitet und experimentiert. Die Frage, wie wir gestalten, ist aber immer verknüpft mit der Frage für wen. Um einem qualitativen Anspruch gerecht zu werden, ist sie deshalb immer eingebettet in gesellschaftliche und soziale Themen. Deshalb ist die Meinung von anderen, Außenstehenden oder Sachverständigen, immens wichtig für Architekturstudierende, um ihre Arbeiten in einem breiten architektonischen Diskurs zu positionieren. Die Funktion als didaktisches Instrument ist hier also die zentrale Aufgabe von Arbeitsräumen. Studentisch organisierte Ateliers, Studios oder wie immer sie bezeichnet werden gehören deshalb an Architekturfakultäten international zur Standard-Ausstattung.

Auf unserer Architekturfakultät werden solche Räume als Zeichensäle bezeichnet, was offensichtlich ihre Nutzung unterstellt bzw. vorgibt. In Wirklichkeit sind diese Räume allerdings Laboratorien in vielerlei (architektonischer, sozialer, künstlerischer) Hinsicht und wehren sich damit auch gegen solche Vorgaben. Der unreglementierte Raum ist hier auch Substrat für unreglementiertes Denken. Demgegenüber steht das Unverständnis diverser Planungsinstanzen an der TU über grundsätzliche Bedingungen der Architekturproduktion.

Nun soll es im Hauptgebäude zu erheblichen strukturellen Eingriffen kommen. Die Streichung der Zeichensäle der Architekturfakultät zugunsten von mehr Fläche für Institute ist bereits beschlossene Sache. Obwohl es traurig genug ist, dass man studentischen Raum im Jahr 2010 noch immer argumentieren muss, wird hier aktiv eine von kurzsichtigen raumstrategischen Interessen geleitete Verschlechterung herbeigeführt. Als „temporäre“ (voraussichtlich österreichisch-temporäre) Lösung sollen zum einen Flächen in einem nicht benützungsbewilligten Gebäude im Arsenal und zum anderen in teilweise unbelichtete Räume des Hauptgebäudes kommen – beides kein annähernd äquivalenter Ersatz.

Hinzu kommt, dass die TU Wien über eine große und hochwertige Architekturfakultät voller ExpertInnen für räumliche Konzepte verfügt, bei der Konzipierung und Ausarbeitung der Umstrukturierung jedoch nicht auf diese enorme Ressource zugegriffen sondern bedauerlich dilettantisch vorgegangen wird. Man hat das Gefühl, Excel Sheets und deren ErstellerInnen regieren die Welt.

Die Forderung nach studentischem Raum soll also nach wie vor für alle Studienrichtungen gelten. Nicht nur im Architekturstudium ist der permanente Austausch für die Erschließung der Disziplin unverzichtbar. Neben Hörsälen, Seminarräumen und Labors müssen Flächen ohne Vorgaben zur Verfügung gestellt werden, damit eine Universität als Universität funktioniert – idealerweiser unter Berücksichtigung der Masse der Universitätsangehörigen, den Studierenden.

Patrick und das Kollektiv der Zeichensäle an der TU Wien haben eine Homepage: http://info.zeichensaele.at
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:02 - Main.UnknownUser
 

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