Offene E-Mail an die Regierung

E-Mail an Werner Faymann, Michael Spindelegger und Maria Theresia Fekter in ihren Funktionen als Bundeskanzler, Vizekanzler und Bundesministerin
9. Juni 2011

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrter Herr Vizekanzler!
Sehr geehrte Frau Bundesministerin!

Es ist eigentlich Wahnsinn, was momentan passiert. Die Universitäten haben zu wenig Geld und fangen an zu klagen. Aus Sicht der Rektorate kann ich das auch vollkommen nachvollziehen. Es ist scheinbar eine logische Schlussfolgerung, dass freier Hochschulzugang und gleichzeitig begrenzte finanzielle Mittel sich nicht vereinen lassen. Die Stimmen nach einer Studienplatzfinanzierung und nach einem „fairen“ Zugangsmanagement werden immer lauter. Wenn wir zu wenig Geld haben, dann müssen wir uns zumindest die „richtigen“ Studentinnen und Studenten aussuchen dürfen.

Das ist FALSCH! Dass die Rektorate aus ihrer Sicht als Managerinnen und Manager der Universität diese Schiene fahren, ist nicht verwunderlich. Das allgemein politische Mandat scheint aber auf der Strecke zu bleiben. Hier wird vollkommen vergessen, dass ein Zugangsmanagement genauso wenig fair sein kann, wie Studiengebühren angeblich nicht sozial selektieren. Speziell an der TU Wien trifft ein Zugangsmanagement (egal in welcher Form) wie wir bereits erlebt haben Frauen. So lange Eltern von Maturantinnen bei Beratungsgesprächen verwundert sind, dass Frauen an der Technischen Universität studieren dürfen, werden sich sowohl Studiengebühren als auch Zugangsregelungen auf den Frauenanteil auswirken. Das ist nur ein Beispiel einer Personengruppe, die durch solche Maßnahmen benachteiligt wird. Ich kann Ihnen gerne in einem persönlichen Gespräch genug weitere Beispiele nennen.

Aber nicht nur die soziale Selektion spricht gegen Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren sondern auch die Tatsache, dass der Druck auf die jungen Menschen mit der Zeit viel größer geworden ist. Was meine ich damit? Vor 50 Jahren war es noch etwas Besonderes, wenn jemand maturiert hat. Heutzutage ist eine Matura die Voraussetzung für sehr viele Jobs. Dementsprechend streben die Schülerinnen und Schüler nach einer Matura. Ich bin davon überzeugt, dass die Zahl der Maturantinnen und Maturanten in den letzten 50 Jahren massiv gestiegen ist. Eine ähnliche Entwicklung ist nun mit dem Studium erkennbar. Für eine Karriere oder für einen einigermaßen gut bezahlten Job ist ein Studium notwendig. Immer mehr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verlangen ein Diplom. Die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu sein, ist mit einem Universitätsabschluss geringer. Es ist also nur logisch, dass die Zahl der Studierenden steigt. Eine Beschränkung wäre also fatal für deren Zukunft.

Fatal wäre ebenso die Studienplatzfinanzierung oder ein Zugangsmanagement in Abhängigkeit von der Wirtschaft zu machen. Dabei werden die zukünftigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vernachlässigt. Speziell die Grundlagenforschung hat in der Wirtschaft keinen Platz und würde somit unter den Tisch fallen. Gerade die Grundlagenforschung ist aber so notwendig für die technologische und soziale Entwicklung.

Wenn es ein Ziel unserer Gesellschaft ist, dass junge Menschen zu kritischen, hinterfragenden, engagierten und gebildeten Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen, dann müssen wir auch etwas dafür tun. Der Ausbau aller Hochschulen ist die Antwort und nicht Gerede und Diskussionen über Zugangsmanagement oder Studiengebühren. Wir, die HTU Wien, ersuchen Sie hier endlich den Anstoß zu einer langfristigen Lösung zu geben und in der Regierung für die Hochschulen tätig zu werden! Wir sind gerne bereit bei der Ausarbeitung von langfristigen Lösungen mitzuwirken.

Mit freundlichen Grüßen
Bianka Ullmann
Topic revision: r1 - 02 Jul 2011 - 17:36:52 - MartinBorer
 

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