Inauguration

Am 11. November 2011 – nein, nicht um 11.11 Uhr! – fand im Festsaal der TU Wien die Feierliche Einsetzung unserer Rektorin O.Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Sabine Seidler mit einem festlichen Akt statt.

Um einen Eindruck der Feierlichkeiten zu Vermitteln haben wir Auszüge aus den Reden unserer frisch gebackenen Rektorin sowie des Vorsitztes zusammengestellt und aufbereitet. Viel Spaß beim Nachlesen und -erleben …

Auszüge aus der Rede von Rektorin Seidler

Die Technische Universität Wien ist ein altehrwürdiges Haus, wenn man zurück blickt, eine moderne Forschungsuniversität mit hohem Anspruch an sich selbst, wenn man sie heute betrachtet.

Die Technische Universität Wien als Österreichs größte Forschungs- und Bildungseinrichtung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ist in hohem Maße auch der Ingenieurausbildung verpflichtet. Wir sind in Österreich in der glücklichen Lage, ein außerordentlich ausdifferenziertes System der Ingeni-eurausbildung zu haben. Ich bin jedoch nicht sicher, ob wir die Chance, die darin liegt, wirklich erkennen und nutzen. Gerade die Rolle von HTL, Fachhochschulen und Universitäten wird häufig sehr unreflektiert vermischt und es werden Phrasen geschaffen, die einerseits eine Form von Wettbewerb und andererseits eine Form von Gleichstellung vortäuschen. Beides gibt es jedoch in dieser Form tatsächlich nicht. Die TU Wien spricht sich bereits seit Jahren für den Ausbau des FH-Sektors aus. Dies ist durchaus nicht uneigennützig. Wir wissen, die österreichische klein- und mittelständische Industrie benötigt wesentlich mehr praxisorientiert ausgebildete Ingenieure, als wir zur Zeit zur Verfügung haben. Genau darin liegt jedoch die Kernkompetenz der Fachhochschulen. Universitäre Ausbildung ist im Wesentlichen methodenorientiert und führt zu einer anderen Qualifikation. Dies ist wertfrei zu sehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Diskussion um die Frage, ob Universitäten oder Fachhochschulen die „besseren“ Absolventen ausbilden, eine vollkommen überflüssige ist. Wir alle sollten daran arbeiten, die „Besten“ mit unseren Kernkompetenzen auszubilden und diese Kernkompetenz bildet an der Universität die forschungsgeleitete Lehre. Letztlich hängt die Durchlässigkeit der Systeme einzig und allein von der Qualität der Ausbildung ab.

An der TU Wien gibt es ein klares Commitment zur Dissertation, der ersten selbstständigen wissenschaftlichen Arbeit, die den Schwerpunkt der Doktoratsausbildung bildet.

Die Technische Universität Wien ist eine Forschungsuniversität. Dieses, unser Selbstverständnis, war und ist prägend für die Forschungsentwicklung im Haus. Wir bekennen uns zur Profilbildung, allerdings darf dieser Prozess nicht zur geistigen Verarmung führen. Unsere Stärke als Technische Universität liegt in der Chance zur Verbindung von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Diese leben wir und diese spiegelt sich auch in unseren Forschungsschwerpunkten wieder. Die fachübergreifende Schwerpunktsentwicklung verstehen wir als Chance und Herausforderung. Bei aller Profilierung dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass Neues häufig dort entsteht, wo wir es am wenigsten erwarten. „Entwickeln“ in der Wissenschaftssprache bedeutet, sich entfalten, bedeutet auch ein stufenweises Herausbilden, und unsere Aufgabe ist es, dies nicht nur zuzulassen, sondern zu fördern. Selbstverständlich ist Forschung ein bottom-up Prozess, unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und damit auch in gewissem Umfang zu steuern. Dies ist aber auch gleichzeitig der Spagat, in dem wir uns befinden: Den Forderungen unseres Eigentümers nach Profilbildung nachzukommen, wobei offensichtlich recht unterschiedliche Vorstellungen darüber herrschen, was Profilbildung bedeutet, gleichzeitig aber auch genügend Freiraum für Neugier getriebene Forschung zu erhalten. Gerade letzteres ist in Österreich, wenn überhaupt, nur noch an Universitäten und am ISTA möglich. Unser gerade in der Grundlagenforschung etabliertes kompetitives Forschungsmittelvergabesystem mit qualitativ anspruchsvollen Evaluationsverfahren Risikominimierung der Finanzierung gelangt hier an seine natürlichen Grenzen.

Parallel zu den organisatorischen Änderungen des Universitätssystems, änderte sich auch das Forschungsfinanzierungssystem in Österreich, weg von allgemei-nen Dotationen zu projektorientierter Förderung und zum kompetitiven Wett-bewerb um Forschungsmittel. Drittmittel sind damit ein wesentliches Element der Forschungsfinanzierung geworden, realistisch gesprochen müsste man eigentlich von „Forschungsteilfinanzierung“ sprechen. Hier liegt noch ein hartes Stück Arbeit vor uns, es gilt ein Kostenbewusstsein für Forschungsleistungen von Universitäten zu erarbeiten.

Die Rahmenbedingungen, unter denen eine Universität arbeiten muss, bestimmen natürlich ihre Leistungsfähigkeit. Dies gilt insbesondere für die finan-ziellen Rahmenbedingungen. Es ist illusorisch anzunehmen, dass Technische Universitäten, die sogenannte „kostengünstige“, weil forschungsinfrastruktur-arme, Fachrichtungen nicht haben, trotz permanenter Unterfinanzierung ar-beitsfähig geschweige denn international wettbewerbsfähig sind. Die TU Wien hat in den letzten Jahren mutige Schritte gesetzt, bezogen auf unser derzeitiges Finanzergebnis offensichtlich zu mutige. Dies ist aber nicht gleichbedeutend mit nicht sinnvoll.

Bauvorhaben, die wie im Falle der Technischen Chemie trotz eklatanter sicher-heitstechnischer Mängel über 10 Jahre und mehr unrealisiert blieben oder die Zusammenführung des Maschinenbaus, deren Pläne mit der 200jahrfeier der TU fast 100jähriges Planungsjubiläum feiern, umzusetzen, bedeutet mittelfristig für alle Fachbereiche der TU eine Entwicklung weg von historisch gewachsenen zu dann räumlich möglichen, inhaltlich sinnvollen Arbeitsgruppen-, Instituts-, Lehr- und Lernstrukturen. Erst dieser Prozess wird es uns ermöglichen, die immer wieder beschworenen „Synergiepotenziale“ wirklich zu nutzen.

Wir alle wissen, Forschung orientiert sich nicht an lokalen oder nationalen Grenzen, sondern ist ein globaler Prozess. Die Technische Universität Wien ist international hervorragend vernetzt (…). Mir ist durchaus bewusst, dass dieses Netzwerk für die Forscherinnen und Forscher der TU Wien eine große Chance bietet und wir werden es auch in Zukunft weiter pflegen und strategisch im Sinne der forschungsgeleiteten Lehre entwickeln.

„Kooperation“ und „Synergie“ sind zwei Worte, die wir zur Zeit sehr häufig hören. Wir Universitäten sollen miteinander, mit Fachhochschulen und Unternehmen kooperieren, sollen unser Synergien besser nutzen, aber mit welchem Ziel? Zum Selbstzweck? „Qualität von Lehre und Forschung“ ist aus der derzeitigen Diskussion nahezu verschwunden. Dabei ist die Sicherstellung gerade dieser unsere wichtigste Aufgabe und wenn Kooperationen und Synergien dieser dienlich sind, werden sie zur ureigenen Aufgabe der Universitäten und ihrer Kooperationspartner. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass Exzellenz dadurch erreicht wird, dass Finanzierung ausschließlich an Kooperation gebunden wird, damit schafft man nur „Beutegemeinschaften“. Dass Kooperationen zum gegenseitigen Nutzen sinnvoll, nützlich und notwendig sind steht dabei außer Diskussion, selbstverständlich ist das so. Natürlich wissen wir alle, dass es in Wahrheit darum aber gar nicht geht, sondern dass hier die Hoffnung besteht, kurzfristig zu beträchtlichen Einsparungen zu kommen. Wodurch diese Hoffnung genährt wird, ist schwer nachzuvollziehen, zeigen doch gerade die derzeit erfolgreichen Kooperations-Pilotprojekte, dass dem nicht so ist.

Lehre, Forschung und Innovation: Kernaufgaben und Kernkompetenzen der TU Wien, umgesetzt in einem attraktiven Forschungsumfeld, das letztlich durch die Menschen, die Forscherinnen und Forscher sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Serviceeinrichtungen, und durch die Forschungsinfrastrukturen gebildet wird. Die Erhaltung und Entwicklung dieses Forschungsumfeldes ist die Voraussetzung für Exzellenz in Forschung und Lehre und damit internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Mehr Informationen über unsere neue Rektorin findet ihr unter: http://www.tuwien.ac.at/wir_ueber_uns/universitaetsleitung/rektorat/rektorin/

Auszüge aus der Rede des HTU-Vorsitz

MOe

Universität, was ist das? Jede und jeder der hier Anwesenden verbindet mit diesem Wort verschiedene Vorstellungen und ich hoffe, dass es einen Konsens gibt in den folgenden Punkten:
  • Kritische, aufklärerische und selbstbewusste Wissenschaft
  • Gesellschaftliche Verantwortung
  • Freiheit von Forschung und Lehre
  • Vermittlung und Weitergabe von Wissen
  • Fantasie und Unabhängigkeit im Denken
  • Gemeinsamer Lebensraum und Lebensmittelpunkt für Studierende, Lehrende, Angestellte
Die Umsetzung dieser Ansprüche, das soll der Weg sein, den die Universität gehen soll. Und zur Umsetzung dieser Ansprüche bekennt sich auch die Hochschülerinnen und Hochschülerschaft an dieser Universität.

Klara

Uni ist Forschung. Ist sie das wirklich, oder sind uns auch in diesem Bereich die Hände von unseren Geldgebern gebunden? Es wird zurzeit davon ausgegangen, dass sich eine Universität in großem Maße durch Drittmittel finanziert. Jeder und jedem sei der Erfolg gegönnt, wenn nach langem Bangen geschafft wurde ein Projekt an Land zu ziehen. Aber es muss immer wieder auch bedacht werden, dass es möglich sein muss, wirtschaftsungebundene Forschung betreiben zu können. Dass Grundlagenforschung zwar oft im ersten Anschein nicht geldbringend ist, aber einer der wichtigsten Bestandteile einer Universität. Denn Wissen ist nicht mit Geld messbar! Und wo, meine sehr verehrten Damen und Herren, soll denn noch Grundlagenforschung betrieben werden, wenn sie nicht einmal mehr auf den Universitäten möglich ist?

Erlauben Sie mir einen doch etwas ungewohnten Vergleich. Stellen Sie sich einen Mordfall vor. Vielleicht geht es sogar um Geld. Die Kriminalbeamtin, die mit der Aufklärung des Mordfalles betraut wird, wird bezahlt, auch wenn der finanzielle Nutzen dieser Aufklärung nicht gegeben ist. Die Polizistin wird weder von der Täterin noch von den Angehörigen des Opfers entlohnt und bringt so dem Staat kein Geld. Die Aufklärung eines Verbrechens ist aber eine wichtige Staatsaufgabe, mit hohem gesellschaftlichem Nutzen, den wir uns alle leisten wollen.

Ich hoffe, dass ich von diesem Nutzen niemanden erst überzeugen muss und jede und jeder mir zustimmt, dass das ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft ist. Und genau so verhält es sich auch mit unserer Universität. Wir sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft und sollten uns nicht für unsere Existenz rechtfertigen müssen. Daher ist es notwendig die Technische Universität Wien auszufinanzieren. Unabhängig von einem, im Übrigen nicht messbaren, ­Wissensoutput.

Nun wird uns verschiedentlich von allen möglichen Seiten namens der Wirtschaft, namens des Ministeriums vorgeworfen, die Universität wäre uneffektiv. Zu viele Anfänger, zu wenigen Absolventinnen, hoher Dropout. Und dann wissen die RatgeberInnen auch immer gleich, woran es krankt: Die Studierenden werden fauler, unwilliger, dümmer. Sehr Interessant. Die Jugend von heute verblödet uns unter der Hand.

Oder sind die Ursachen nicht vielleicht woanders zu suchen? Nicht vielleicht in einem erheblichen Maße in den sozialen und gesetzlichen Randbedingungen:
  • Steigende Lebenshaltungskosten
  • Hohe Mieten
  • Gesetze und Ministerialverordnungen, die sich öfter ändern als der Benzinpreis an der Tankstelle

(…) Auch bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen hat sich einiges getan. Ein Mensch, der im nächsten Semester seinen Bachelor in Mindestzeit abschließen würde hat mehr Gesetzesänderungen erlebt als gut sind:
  • Neuregelung der Studieneingangsphase
  • Familienbehilfenkürzungen
  • Studiengebührenänderungen
  • Verpflichtende Beratung für Studieninteressierte
  • Verpflichtende Voranmeldungen
  • Geänderte Inskriptionsfristen

Es sollte nicht zu viel verlangt sein, dass ein/e StundentIn unter denselben Bedingungen ein Studium beendet, zu denen sie/er sich zu diesem entschlossen hat. Studierende nehmen das Angebot der wissenschaftlichen Berufsvorbildung und der Bildung an einer Universität auch mit einem Commitment wahr, das gewürdigt gehört. Das Studium an der Universität ist und muss in erster Linie Bildung und nicht Ausbildung sein. Die Universitäten sind auch dafür da um für alle Interessierten ein Bildungsangebot zu bieten, das unabhängig von einer Berufsausbildung ist.

Die Entscheidung, ein Studium nicht zu beenden, geschieht aufgrund einer Motivationsänderung, die erst in den ersten Semestern eines Studiums an einer Universität gewonnen werden kann. Es ist ein Gewinn für uns alle, wenn junge Menschen an die Universität kommen, ihren Horizont erweitern und schließlich entscheiden entweder ein anderes Studium, oder gar keines zu vollenden. An dieser Stelle mag ich unseren Altrektor Peter Skalicky mit ein paar Worten zum Thema DropOut zitieren, denen ich so nur zustimmen kann.

„Das sind biographische Entscheidungen von großjährigen Personen, die man respektieren muss. Die man nicht als allzu großes Unglück ansehen sollte.“

Die Entscheidung, das Studium nicht zu beenden muss aber in der Hand der Studierenden liegen und darf nicht durch die sozialen, oder gesetzlichen Rahmenbedingungen von außen auferlegt sein.

Was aber kann getan werden, um die Lebensbedingung der Studierenden zu verbessern? Ein paar Vorschläge haben wir auch dazu:
  • Aufbau eines Stipendiensystem, das die Bezeichnung auch verdient hat und allen interessierten zu einem Studium verhilft
  • Commitment des Ministeriums den Studierenden gegenüber, mit dem Bewusstsein für qualitativ hochwertige Gesetzesänderungen
  • Einführung eines 8-Semestrigen Bachelor an der Technik um den Stoff, der notwendig ist, auch in Mindestzeit erlernen zu können und auch noch die notwendige Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung und für Mitgestaltung der Universität zu haben.

Wenn diese Rahmenbedingungen gegeben sind, dann und nur dann können wir die eigenständigen, motivierten und hochqualifizierten Fachkräfte bekommen, die wir als Absolventinnen und Absolventen unserer Universität haben möchten.

Uni ist Lehre, nicht zuletzt deswegen sind Studierende ein wichtiger Teil der Universität.

Ich bin es leid, mich in letzter Zeit für so viele – in meinen Augen selbstverständliche – Dinge rechtfertigen zu müssen.

Dafür, dass Studierende fordern, zu menschlichen Bedingungen lernen zu wollen. Ja sogar dafür, dass sie überhaupt studieren wollen, anstatt Geld zu verdienen. Dass sie studieren wollen, auch wenn es nicht ihr bestes Schulfach war. Dass Studierende neben dem Studium auch gemeinnützig tätig sind, sich anderweitig bilden, arbeiten oder gar Freizeit verbringen wollen.

Studierende von heute sind die Lehrenden von morgen. Sie bringen neuen Ansichtsweisen, und verhindern dass Forschung im Elfenbeinturm verkommt. Studierende sind nicht zuletzt motivierte Arbeitskraft und als JungwissenschaftlerInnen wichtige ProjektmitarbeiterInnen. Und bitte bedenken Sie, nur durch Studierende ist Wissensweitergabe möglich und das wiederum ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft.

Daher ist ein wichtiges Anliegen meinerseits: Studierende dürfen nicht als KundInnen gesehen werden die eine Ausbildung konsumieren, sondern als gleichgestellte KollegInnen! Universität, das sind wir alle zusammen. Und so hoffe ich, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sein werden, dass wir im positiven produktiven Diskurs auf die Suche nach Lösungen gehen.

Gemeinsam müssen wir nicht nur uns selbst, sondern auch die österreichische Bevölkerung wachrütteln um aufzuzeigen was wir alles brauchen.

Um unsere Rede auch kurz zu halten, Frau Seidler, von Ihnen wünschen wir uns vor allem eines: Dass die Zusammenarbeit zwischen der Hochschülerinnen und Hochschülerschaft und Ihnen so bleibt wie sie ist.

Alle Reden der Inauguration können nachgehört werden unter: http://www.tuwien.ac.at/dle/pr/publishing_av/nachschau/inauguration/
Topic revision: r1 - 11 Dec 2011 - 23:15:19 - Main.MartinBorer
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzende: Viktoria REITER)
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