Janusköpfige Frauenförderung

Anlässlich des Themenschwerpunktes war es auch dringend an der Zeit, dass wir uns mit dem Frauenförderungsplan (FFP) der TU kritisch auseinandersetzen. Im Oktober 2004 hat der Senat den Frauenförderungsplan im Rahmen der Satzung[Fussnote 1] beschlossen. Seither wurde diese einige Male überarbeitet, nur der Frauenförderungsplan blieb in den vergangenen vier Jahren unberührt.
Und das obwohl in den rechtlichen Grundlagen des FFP, im Bundes-Gleichbehandlungsgesetz, eine zweijährliche Aktualisierung vorgeschrieben ist. Nicht einmal ein Verweis auf das so nicht mehr existierende „Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur“ (nunmehr BMWF und BMUKK) wurde geändert oder jener Satz der mittlerweile auf den falschen Paragrafen in einem anderen Teil der Satzung verweist. Eine Aktualisierung wäre also angebracht. Andererseits stehen im Frauenförderungsplan der TU leider keine konkreten Zielsetzungen, die zu aktualisieren wären.

Was steht eigentlich im Frauenförderungsplan?

Im FFP der TU werden so ziemlich alle Aspekte der Frauenförderung angesprochen (siehe Infobox). Grundsätzlich positiv jedenfalls ist, dass im Frauenförderungsplan der TU dem AK-Gleich (Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen) und der Koo-Stelle (Koordinationsstelle für Frauenförderung und Genderstudies der TU) einiges an Rechten und Möglichkeiten mit Unterstützung der TU oder des Rektorats zugesagt werden. So ist der AK-Gleich (theoretisch) beispielsweise als Beratung für Gender Mainstreaming in sämtliche universitären Entscheidungen eingebunden und ihm ist Rechenschaft zu leisten bezüglich der Geschlechtergerechtigkeit bei der Anstellung von Personal. Die Koo-Stelle wiederum erhält (theoretisch) Unterstützung für die Entwicklung und Durchführung konkreter Frauenfördungsmaßnahmen, wie z.B. Mentoring-Programme für Studentinnen wie auch für weibliche Universitätsangestellte.

Interessanterweise wird von all den Maßnahmen im FFP gerade der umstrittene [siehe Rubrik Kommentare; Anm. d. Red.] geschlechtergerechte Sprachgebrauch mit Bemühen TU-weit umgesetzt. Wahrscheinlich weil es in Wahrheit die einfachste aller Maßnahmen ist. Nach außen hin sieht es dadurch fast so aus, als hätte die TU die Gleichstellung von Frauen und Männern verinnerlicht. Geschlechtergerechter Sprachgebrauch alleine ist jedoch zu wenig, wenn nicht gleichzeitig ebenso konsequent für die Gleichstellung in der Forschungsförderung und im Arbeitsverhältnis, unter den Studierenden und Angestellten gesorgt wird.

Es gibt aber einige Maßnahmen im Frauenförderungsplan die nicht so förderlich sind und effektiv das Gegenteil bewirken können, beispielsweise in den Bestimmungen zum Berufungsverfahren von Universitätsprofessorinnen und Universitätsprofessoren[Fussnote 2]. Die eine Sache ist, dass laut FFP prinzipiell alle Bewerberinnen -die den Erfordernissen entsprechen- zu einem Berufungsvortrag eingeladen werden müssen. Das ist oft einfach Zeitverschwendung und nervig für Bewerberinnen und Berufungskommission, wenn von Anfang an klar ist, dass diese Person die Stelle (aus irgendeinem nicht-sexistischen Grund) nicht bekommt. Der zweite Punkt, der negative Auswirkungen hat, besagt, dass mit Bewerberinnen die auf den Dreiervorschlag der Kommission gesetzt wurden, zuerst Berufungsverhandlungen zu führen sind. Diese Bestimmung kann dazu führen, dass Frauen die nicht absolut die erste Wahl der Berufungskommission sind (d.h. nicht an die erste Stelle des Dreiervorschlags gesetzt werden würden), schlicht und einfach nicht in den Dreiervorschlag an das Rektorat aufgenommen werden. Selbst wenn eine Bewerberin von der Berufungskommission zweigereiht oder drittgereiht wird, müsste laut FFP zuerst mit ihr verhandelt werden. Das nimmt den eventuell zweit- und drittplatzierten Bewerberinnen jegliche Chance berufen zu werden, sollten die Verhandlungen mit dem erst- und zweitplatzierten Bewerber scheitern (was durchaus vorkommt).
Auf diese gravierenden, kontraproduktiven Konsequenzen der eigentlichen Fördermaßnahme wurde in der Fachliteratur und selbst vom damaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft bereits seit Mitte der 90er hingewiesen. Dass eine solche Bestimmung 2008 trotzdem noch in einem Frauenförderungsplan zu finden ist ist verwunderlich.

Was fehlt?

Es fehlt einiges. Zum Beispiel fehlt ein Zeitrahmen für die Umsetzung. Die TU kann sich ordentlich Zeit lassen mit der Umsetzung des Fördungsplanes, bis in alle Ewigkeit sozusagen. Doch selbst wenn es einen Zeitrahmen gäbe, ist im FFP beinahe nie bestimmt wer denn für die Umsetzung verantwortlich ist. Oft ist verschwommen von „der Technischen Universität“ als Ganzes die Rede. Ist einmal doch jemand bestimmtes für eine Maßnahme verantwortlich dann ist diese Maßnahme trotzdem höchstwahrscheinlich nicht umgesetzt worden, zum Beispiel:

  • Die Studiendekane (momentan haben nur Männer diese Position inne) sind eigentlich verpflichtet in der Studieneingangsphase die Studentinnen und Studenten über die Gleichbehandlung, Frauenförderung und die Gender Studies an der TU zu informieren, ebenso wie über Diskriminierungsschutz und Anlaufstellen der TU bei sexueller Belästigung oder Mobbing.

  • Das Rektorat ist eigenlich für die jährliche Erhebung der Frauenquote an der TU verantwortlich, detailliert aufgeschlüsselt z.B. nach Arbeistverhältnis, Organisationseinheit und anderen Kategorien. Die Daten stünden teilweise sogar zur Verfügung, aber eben nur teilweise und dann nur in Rohform, was für daran Interessierte einiges an Zusatzaufwand bedeutet. Das Rektorat ist eigentlich auch für die detailliert aufgeschlüsselte Erhebung der Entlohnung von Frauen und Männern an der TU verantwortlich. In den vier Jahren seit Inkrafttreten des FFP der TU wurde diese Erhebung noch nicht durchgeführt.
Die statistischen Daten zur Frauenquote und den Einkommensunterschieden wären jedoch äußerst wichtige Grundlagen für die Evaluierung und Weiterentwicklung der Frauenförderung bzw. für das Aufzeigen von konkreten Benachteiligungen von Frauen. Genauso wichtig dafür wäre eine „Studie zur Situation der Frauen an der Technischen Universität Wien“, wie sie das Rektorat alle drei Jahre in Auftrag geben und anschließend veröffentlichen sollte.

  • Obwohl es sehr erfreulich ist, dass der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen und die Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies durch den Frauenfördungsplan einige Rechte und Möglichkeiten erhalten, entsteht manchmal der Eindruck, dass Aufgaben an die beiden Stellen „abgeschoben“ werden, statt sie auf die Organe der Universität zu verteilen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sowohl der AK-Gleich als auch die Koo-Stelle in ihren personellen Kapazitäten überlastet sind und nicht von allen ihnen gegebenen Rechten Gebrauch machen können.

Dass ein Frauenfördungsplan nicht so lasch sein muss, zeigt ein Blick auf den FFP des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur von 2001, den sich jener der TU zum Vorbild nimmt. Dort gab es zwei höchst interessante Paragrafen. Einer legte fest, dass für die Umsetzung des FFP alle EntscheidungsträgerInnen verantwortlich sind – was um einiges genauer ist als das von den Studierenden bis zum Reinigungspersonal allumfassende „die Technische Universität“. Der zweite Paragraf von dem die Rede ist, bestimmte, dass die Umsetzung der Maßnahmen zu den Dienstpflichten zählt und eine „Verletzung der Bestimmungen“ entsprechend geahndet wird. Ähnliche Bestimmungen sucht man im Frauenförderungsplan der TU vergebens, während sie in der aktuellen Verordnung des BMWF noch immer zu finden sind.

25 Jahre später

Zum Abschluss ein Zitat aus dem Jahr 1994, das uns immer noch recht zutreffend erscheint. Damals schrieb die Soziologin Angelika Wetterer in einem Artikel über Frauenförderung: „Die Diskussion um Frauenfördermaßnahmen im Hochschulbereich begann Anfang der 80er Jahre, also vor gut 10 Jahren [mittlerweile ein viertel Jahrhundert; Anm. d. Red.]. Wenn man auf diese zehn Jahre zurückblickt und sich um ein erstes Fazit bemüht, scheint mir eine etwas paradoxe Aussage am zutreffendsten zu sein: Es ist unheimlich viel passiert, aber geändert hat sich eigentlich so gut wie gar nichts.“

[1: In der Satzung wird das Universitätsgesetz TU-spezifisch konkretisiert, dort stehen z.B. die Benutzungsordnung für Labors und Werkstätten, die Hausordnung, die Geschäftsordnung für diverse Kommissionen und so fort.]

[2: Info Berufungsverfahren: Ist eine Professur an der TU zu vergeben, bildet sich eine Berufungskommission die aus allen eingelangten Bewerbungen drei BewerberInnen auswählt und auf einem Dreiervorschlag reiht. Dieser Reihung wird an das Rektorat übermittelt, welches schließlich mit dem erstgereihten Bewerber oder der erstgereihten Bewerberin aus diesem Vorschlag Verhandlungen beginnt.]
Topic revision: r3 - 29 Mar 2011 - 21:00:06 - Main.UnknownUser
 

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