Ausflug ans CERN

Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Seminar über atomare und subatomare Physik“ fuhr eine Gruppe von 18 Studenten in Begleitung von Prof. Helmut Leeb im Jänner 2009 nach Genf in der Schweiz. Dort konnten wir Studenten zum einen unsere Präsentationsfähigkeiten in Form von Referaten über relevante Themen im Bereich der atomaren und subatomaren Physik unter Beweis stellen und zum anderen auch Teile der Forschungsanlagen am CERN besuchen. Prof. Leeb hatte schon im Vorfeld einige Fachvorträge an der TU Wien organisiert, bei denen wir auf die zu besichtigenden Anlagen und die dahinter steckende Physik vorbereitet wurden.

An einem kalten Sonntagmorgen ging es dann schließlich los. Um 7 Uhr war Treffpunkt aller Studenten am Westbahnhof in Wien, wo zunächst Reiseproviant (Zeitschriften sowie Essen und Trinken) gekauft und schließlich noch ein Reiseleiter gekürt wurde. Diesem wurde die minder erstrebenswerte Vollmacht erteilt sämtliche Verhandlungen mit den österreichischen, deutsch-schweizerischen und vor allem französisch-schweizerischen Zugbegleitern zu führen. Thema der Verhandlungen war ein Kommilitone, der in Wien den Zug versäumt hatte und nun zwei Stunden hinter uns im nächsten Zug saß. Es sei zu seiner Verteidigung noch mal erwähnt, dass der Reisebeginn auf einen Sonntag um 7 Uhr in der Früh gefallen war. Da die Zugkarten natürlich alle schon im Voraus gekauft wurden – Gruppentickets haben ja günstigere Konditionen und außerdem mussten wir Plätze reservieren – und wir Pünktlichen daher für die gesamte Gruppe die Fahrkarten hatten, mussten uns die Schaffner bestätigen, dass wir bereits ein Ticket für besagten schläfrigen Mitstudenten besaßen – da wir diesen an jenem Tag noch nicht getroffen hatten, konnten wir ihm auch sein Ticket nicht zukommen lassen – damit man die von ihm in Wien gekaufte Karte später wieder refundiert bekommen würde. Ja richtig, versuchte ich hier die bereits erwähnte atomare und subatomare Physik, die am CERN unter anderem untersucht wird, zu erklären, wäre das wohl einfacher, als die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Österreichischen Bundesbahnen. Ich weiß bis zum heutigen Tage nicht, ob das Geld je zurückkam. Egal.

Nach ungefähren, nicht mal so besonders anstrengenden, vierzehn Stunden Zugfahrt kamen wir an der Station „Genf-Flughafen“ an, wo uns Prof. Leeb, der klugerweise geflogen war, bereits erfreut erwartete. Wir versuchten zu äußerst „günstigen“ Konditionen unsere Euro in Schweizer Franken zu tauschen und dürften zu einem nicht vernachlässigbaren Teil mitverantwortlich dafür sein, dass der Finanzdienstleister des Genfer Flughafens an jenem Abend besonders hohe Spesenerträge hatte. Aber gut, man ist ja nicht alle Tage in Genf und da will man jetzt auch nicht lächerlich sparsam sein.

Wir fuhren mit dem Bus ans CERN und spätestens als wir ausstiegen – das Wetter war, wie bereits von einem Mitarbeiter, der vorab in Wien einen Vortrag gehalten hatte, angekündigt, schlecht und regnerisch – mussten wir eines einsehen: Hier war es nicht so, wie wir es uns zuvor, ohne wirklich ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, vorgestellt hatten. Selbstverständlich, aber trotzdem zunächst zu unserer Überraschung, gab es am CERN Schwerkraft (man hatte sie bis jetzt noch nicht außer Kraft setzen können), es hatten nicht ausnahmslos alle Mitarbeiter weiße Mäntel an, dicke Hornbrillen auf und einen Oberlippenbart (vor allem nicht die weiblichen Mitarbeiter) und niemand flog auf kleinen silbernen Tellern, die mit was auch immer angetrieben wurden, durch das Areal. Auch die Nahrungsaufnahme erfolgte noch essender Weise und nicht durch Pillen oder Infusionen in der Nacht.

Enttäuschend, aber bei näherer Betrachtung durchaus zu erwarten.

Das CERN war einfach eine Ansammlung von älteren Gebäuden und Lagerhallen. In den Gebäuden waren die Büros, Schulungsräume, Unterkünfte und das Restaurant untergebracht, während in den Lagerhallen unzählige verschiedene Experimente aufgebaut waren. Unser Zweitagesprogramm war dicht gedrängt. Am Vormittag hielten wir vor versammelter Runde unsere Referate – in englischer Sprache, unterstützt durch Power Point (und glaubt es oder nicht, aber der CERN-PC hatte Windows 2000 und war kein MAC) – und am Nachmittag hatten wir dann Führungen durch die Anlagen von N-TOF, CMS, ISOLDE und dem „Antiproton Decelerator“. Details über diese Anlagen möge man bitte dem WWW (Wikipedia eignet sich ganz gut) oder sonstiger Literatur entnehmen. Doch soviel sei gesagt: die besichtigten Anlagen waren allesamt recht beeindruckend, natürlich insbesondere CMS, der ja ein Teil des LHC ist – jenes 27 km langen Ringbeschleunigers, den wohl jeder mittlerweile aus äußerst kritisch zu betrachtender Berichterstattung der heimischen Medien (Stichwort: schwarzes Loch) kennt.

CMS ist eines der Experimente des LHC und beeindruckt schlicht durch seine Größe. Es handelt sich um einen zylindrischen Teilchendetektor mit einem durchschnittlichen Radius von 15 m, einer Länge von über 20 m, 12500 Tonnen Gewicht und der Fähigkeit ein Magnetfeld von 4 Tesla zu erzeugen. Etwa 3600 hoch spezialisierte Wissenschaftler von 183 verschiedenen Instituten aus 38 Nationen (Wikipedia) arbeiteten oder arbeiten noch am CMS. Unser Glück war, dass zum Zeitpunkt unseres Besuches keine Experimente stattfanden und wir daher direkten Zugang ins Herz der Anlage hatten. Dort verschlug es uns allen die Sprache. So viele Kabel, Schalter, Drähte und so ziemlich alle sonstigen anderen Dinge, die man irgendwie mit Technik assoziieren konnte hatte noch keiner von uns je an einem Ort akkumuliert gesehen.

Interessant war vor allem auch die Türe, oder treffender beschrieben die Schleuse, die uns nur widerwillig Zugang zur Anlage gewähren wollte. Obwohl wir in Begleitung der wahrscheinlich mitunter intelligentesten und am besten ausgebildeten Menschen dieses Planeten waren, blieb die genaue, detaillierte Vorgehensweise zum erfolgreichen Durchschreiten der Schleuse ein ungeklärtes Rätsel. Aber gut, früher oder später waren wir alle drinnen und viel wichtiger später auch wieder draußen. In der Anlage ISOLDE wurden wir von jungen, ambitionierten Post-Docs herumgeführt, die uns den Eindruck vermittelten, dass Forschung entgegen landläufiger Meinung durchaus sehr spannend und abwechslungsreich sein kann.

In der Mensa oder besser gesagt dem Selbstbedienungs-Restaurant, denn für eine Mensa war das Essen zu gut und die Preise zu hoch, sah man dann wie viele unterschiedliche Menschen aus wie vielen unterschiedlichen Ländern am CERN beschäftigt sind. Man hatte dieses latente Gefühl an einem besonderen, an einem produktiven und wichtigen Ort zu sein. Ein Ort, der, obgleich an ihm Dinge vollbracht wurden und Phänomene untersucht werden, deren Tragweite und Implementierungen nur sehr wenige Menschen zu begreifen fähig sind, trotzdem sehr zugänglich, begreiflich und offen erschien.

Wohl unter anderem deswegen, weil es im Moment dort noch Schwerkraft gibt und die Menschen immer noch gehen, statt zu fliegen.

Alexander studiert das Bachelorstudium „Technische Physik“ theoretisch im sechsten Semester, praktisch daher irgendwo zwischen Viertem und Fünftem. Aber dieses Phänomen der Diskrepanz zwischen „theoretischem“ und „praktischem“ Semesterstatus dürfte wohl den meisten von uns bekannt sein. Es sei noch erwähnt, dass entgegen aller Erwartungen nicht er derjenige war, der den Zug verschlafen hat.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:04 - Main.UnknownUser
 

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