Ein Leben am Karlsplatz

Thomas ist obdachlos. Wie bei vielen seiner „Kollegen“ gehört es auch zu seinem Alltag, unter anderem am Karlsplatz Vorbeigehende um Geld zu bitten. Doch warum ist das so? Wie ist es möglich, in einem Sozialstaat wie Österreich am Hungertuch zu nagen?

Weil mich das interessiert hat, habe ich mich mit Thomas unterhalten. „Die meisten hier haben ein Suchtproblem“, berichtet der junge Mann. Das überrascht kaum, sieht man doch beinahe täglich mindestens einen Menschen mit blauen Lippen oder verräterischen Spuren an den Unterarmen. Doch ist die Sucht wirklich die Wurzel der Probleme, oder nur eine Folge? „Wenn ich mit den Leuten hier rede, höre ich mir ihre Geschichten an, wie sie dazu gekommen sind“, erzählt Thomas. „Die Geschichten die ich höre werden immer ärger.“ Ist also die Gesellschaft schuld, dass so viele Menschen, an den Rand des Abgrunds gedrängt werden? Eine befriedigende Antwort ist das wohl auch nicht. Aber auf jeden Fall ein Grund, sich Gedanken zu machen.

Was passiert nun mit dem Geld, dass man einem Menschen wie Thomas in die Hand drückt? „Ich war früher heroinsüchtig“, gesteht Thomas. „Jetzt nehme ich Ersatzmedikamente aus der Apotheke. Die sind sehr teuer und ich bin nicht versichert.“ Zwar bekommt Thomas Arbeitslosengeld, aber das reicht nicht für den ganzen Monat aus. Und wie steht es mit Familie, die helfen könnte? „Ich habe schon eine Familie, aber wir haben keinen Kontakt mehr. Ich habe mir vorgenommen, mich mal wieder zu melden.“ So einfach ist es dann aber wohl doch nicht immer.

Was ich mit diesem Artikel aussagen will ist, dass hinter den Menschen, an denen wir täglich vorbeigehen, ohne sie anzuschauen, eine Geschichte liegt, die zu hören sich manchmal lohnen kann.

Appendix: Einmal gab ich einem jungen Menschen mit grünen Zähnen einen Teil meines Mittagessens mit der Bemerkung, dass ich ohnehin oft nicht aufesse. Er legte mir nahe, meine Essensreste doch nicht in den Mülleimer, sondern darauf zu platzieren, damit Leute wie er sie essen können. Und seitdem tue ich das, denn wieso soll man einen sinnvollen Vorschlag nicht befolgen, nur weil er aus einem Mund mit grünen Zähnen kommt?

Jasmin erblickt täglich Obdachlose und redet ab und zu mit ihnen
Topic revision: r3 - 29 Mar 2011 - 21:00:05 - Main.UnknownUser
 

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