Der Kameramörder
ein Buch von Thomas Glavinic

Ein junges Paar verbringt die Osterferien bei einem befreundeten Paar in der Weststeiermark. Man trinkt und isst, scherzt, und gönnt sich gerade eine kurze Pause vom Rommé, als Gastgeber Heinrich beim Zappen durch den Teletext auf eine erschütternde Nachricht stößt: Ein besonders grausamer Doppelkindesmord hat sich am Karfreitag nahe einem benachbarten Ort ereignet; der unbekannte Mörder hat die zwei Jüngeren von drei Brüdern gezwungen, von einem Baum in den Tod zu springen, unter der Androhung, bei Ungehorsam deren Familie brutal auszurotten. Zeugen des Mordes sind der ältere Bruder, der flüchten konnte, und eine Kamera, mit der der Täter die vier Stunden lang dauernde Szene gefilmt hat.

Wenngleich der stimmungstötende Charakter einer solchen Nachricht groß ist, überwiegt, vor allem bei den zwei Männern, die Gier nach neuen Informationen: Zur ZIB versammeln sich alle bei Chips und Erdnüssen vorm Fernseher, die Krone liefert selbst am Ostersonntag 16 Seiten Bildmaterial, und als bekannt wird, dass das brisante Video einem deutschen Privatsender zugespielt wurde und dieser es schließlich zu veröffentlichen wagt, unterliegen anfängliche moralische Bedenken der allgemeinen Neugier und Sensationsgeilheit. Während die internationalen Medien sich um die Geschichte reißen, verdichten sich im Fernsehen die Hinweise darauf, dass der frei umherlaufende Mörder sich dem Hof der Gastgeber nähert…

Lust an der eigenen Abscheu und die Abart quotenorientierter Medien, mehr als zu informieren, primitive Gefühle befriedigen zu wollen, sind Themen, die in Glavinics Krimi behandelt werden. Erzählt wird aus der Perspektive des männlichen Gasts und in einem trockenen, detailgetreuen Stil, der der Protokollführung eines Beamten entspricht.
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Johanna liest mit Lust und schreibt dann Buchrezensionen.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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