TU Wien brennt

Was soll der Aufstand?

„Die Studierenden würden sich wohl nicht aufregen, wenn ich nicht etwas richtig gemacht hätte.“ Das war der Inhalt einer der Aussagen von Wissenschaftsminister Hahn noch vor Monaten. Es ist fraglich, ob die laufenden Studierendenproteste wirklich so ein positives Feedback für Herrn Hahn sind. Jahrelang haben wir, die Studierenden, mitangesehen, wie sich die österreichische Bildungspolitik verändert hat. Es war schon höchste Zeit, etwas zu unternehmen.

Was sind die Hintergründe?

Hintergrund Nr 1: Studiengebühren

Die Studiengebühren wurden ursprünglich im WS 2001/02 wieder eingeführt, nachdem sie 1972 abgeschafft worden waren. Dies hatte einige Folgen. Die Studierendenzahlen gingen um ein Fünftel zurück. Es ist nachgewiesen, dass das nicht nur Karteileichen waren, sondern durchaus Menschen, die motiviert waren zu studieren und es sich nicht mehr leisten konnten oder ihre Erwerbstätigkeit und das Studium nicht mehr vereinbaren konnten. Für mich stechen in der Sozialerhebung 2002 zwei Tatsachen ganz besonders hervor, die sich zum Teil widersprechen. Viele Studierende waren der Meinung, dass die Studiengebühren zu einer Studienbeschleunigung führen. Gleichzeitig stieg die Erwerbstätigkeit der Studierenden, weil sie sich das Studium sonst nicht leisten konnten oder ihre Eltern entlasten wollten. Bei einem Vollzeitstudium an der TU Wien (durchschnittlicher Zeitaufwand 40 Stunden pro Woche und mehr) und einem Nebenjob (circa 10 bis 15 Stunden pro Woche) kann man nicht in Mindeststudienzeit studieren. Von einer Beschleunigung kann man nicht mehr reden. Ich persönlich war in genau dieser Situation. In meinen ersten sechs Semestern meines Studiums (Technische Physik) hatte ich eine 70-Stunden-Woche. Wochenenden existierten nicht. Ich bin nie auf der faulen Haut gelegen, mein Notendurchschnitt lässt sich auch sehen und habe es trotzdem nicht geschafft in Mindeststudienzeit zu bleiben.

Unter folgendem Link findest du den Sozialbericht von 2002: http://www.bmwf.gv.at/fileadmin/user_upload/wissenschaft/publikationen/sozialbericht_2002.pdf

Die finanzielle Situation auf den Universitäten verbesserte sich auch nicht wirklich. Durch die Entsendung der Unis in die Autonomie nahmen die Ausgaben der TU Wien extrem zu. Die Einnahmen durch die Studiengebühren und das Erhöhen des Budgets konnten diese neuen Kosten nicht decken. Für dringende Renovierungsarbeiten, moderne Laborausstattungen, ein besseres Betreuungsverhältnis und einiges mehr gab und gibt es nicht genug Geld.

Hintergrund Nr 2: Bachelor/Master System

Wie wurde das Bachelor/Master System eingeführt? Man könnte meinen, dass für eine derartig große Änderung der Studienpläne die Inhalte des Studiums definiert, daraus Lehrveranstaltungen konstruiert und vernünftige Semesterempfehlungen erstellt wurden. Das ist eben nicht passiert. Es wurden einfach die Lehrveranstaltungen aus den Diplomstudien genommen und in ein 180/120-ECTS-System gepackt. Das hatte zur Folge, dass es Studienrichtungen gibt, bei denen man drei Monate Vollzeit für eine Prüfung lernt, die drei Semesterwochenstunden oder 4,5 ECTS wert ist. Wenn man überlegt, dass es vorgesehen, ist in einem Semester 30 ECTS zu schaffen, ist es fraglich, wie realistisch diese Wertung der Lehrveranstaltung ist.

Unfaire ECTS-Verteilungen waren aber nur eine Konsequenz. Die Einführung des Bachelor/Master- Systems war auch ein Grund mehr, die Studiendauer minimieren zu wollen. Statt aber die Inhalte der Studien zu überarbeiten und die ECTS an diese anzupassen, wurden vermehrt Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht eingeführt. Das erschwert nicht nur die Erwerbstätigkeit der Studierenden, sondern auch die soziale und geistige Entwicklung während des Studiums. Es bleibt einfach keine Zeit mehr, die Materie zu verstehen, mit Kolleginnen und Kollegen darüber zu diskutieren und sich in der Bibliothek in Büchern zu „verlieren “. Zur Not lernt man es auswendig, weil das schneller geht. Wie sollen auf diese Art und Weise Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler und Technikerinnen und Techniker sich entfalten?

Den Studierenden geht es schon lange nicht mehr darum, etwas zu verstehen, den Spaß an der Materie zu haben und sich in etwas einzuarbeiten. Es geht nur noch darum, wann welche Prüfung absolviert werden muss um nichts zu verlieren und um schneller fertig zu werden. Der Prozentsatz der trotzdem eine Leidenschaft für sein/ihr Studium entwickelt, ist sehr gering. Ich frage mich, was die Qualität einer naturwissenschaftlichen, künstlerischen oder technischen Ausbildung sein kann, wenn man aus zeitlichen Gründen nicht mehr über den Tellerrand schauen kann.

Hintergrund Nr 3: Die Novelle des Universitätsgesetzes (UG) 2002

In dieser Ausgabe gibt es eine Zusammenfassung darüber, was die UG-Novelle uns gebracht hat. Interessant finde ich den Zeitpunkt zu dem sie beschlossen wurde, Juli 2009. Das ist einer der Gründe, warum die Studierendenproteste „erst“ jetzt losgegangen sind. Im Juni hat man keine Zeit, um sich mit UG-Novellen zu beschäftigen, wenn man gleichzeitig fünf Prüfungen und drei Tests hat. Im Juli waren nur noch wenige Leute in Wien. Jetzt hatten die Studierenden Zeit und Motivation sich einzulesen, vorzubereiten und loszustarten.

Zugangsbeschränkungen, beschränkende Studieneingangsphasen (STEP) und die Pseudo-Autonomie der Universitäten sind nun legitimiert. §8 des Universitätsgesetzes sagt aus, dass die Bundesregierung einer Universität durch Verordnung die Einrichtung und Auflassung eines Studiums auftragen kann. §66 und §143(22) schreiben eine Studieneingangsphase vor, die einen Überblick über die wesentlichen Inhalte des jeweiligen Studiums und dessen weiteren Verlauf vermitteln soll, gleichzeitig aber nur der positive Erfolg bei allen Lehrveranstaltungen der STEP zur Absolvierung weiterer Prüfungen berechtigt. Die Orientierung selbst ist bis jetzt auch innerhalb des ersten Semesters oder des ersten Jahres geschehen. Ich frage mich, welche Orientierungsveranstaltungen will man in die Studieneingangsphase packen, die zusätzlich zu den Grundlagenlehrveranstaltungen gemacht werden können. Es ist zu befürchten, dass bestehende Lehrveranstaltungen als Studieneingangsphase definiert werden. Dadurch, dass Übungen, Vorlesungsübungen und Praktika meistens nur einmal pro Jahr angeboten werden, ist die Situation besonders unangenehm, wenn man dann eine LVA aus der STEP nicht schafft und ein Jahr tatenlos warten muss. Schiefeinsteigerinnen und Schiefeinsteiger hätten dann gar keine Chance, ordentlich mit dem Studium anzufangen. Die Studieneingangsphase ist bei uns durchaus kein Hirngespinst. Sie existiert schon seit einigen Jahren in wenigen Studienrichtungen der TU Wien. Eine Verschulung des Studiums und unnötige Studienzeitverzögerungen durch die STEP sind den Studierenden dieser Studienrichtungen nicht fremd.

Die Zugangsbeschränkungen stehen bei uns an der TU Wien noch nicht auf der Tagesordnung. Allerdings sind sie in Planung und werden demnächst eingeführt. §64 (5) des Universitätsgesetzes sagt unter anderem aus, dass die Absolvierung eines Bachelorstudiums an der jeweiligen Universität jedenfalls zur Zulassung zu MINDESTENS einem facheinschlägigen Masterstudium an dieser Uni berechtigt. Die Betonung liegt auf „mindestens einem“ und eben nicht „zu allen facheinschlägigen Masterstudien an dieser Universität“. Mit anderen Worten, einen Master darf jeder „Trottel“ studieren, andere Masterstudien können für die „Elite“ eingerichtet werden. Auch §124b (1) sagt aus, dass in Bachelor-, Master-, Diplom- und Doktoratstudien, die von den deutschen bundesweiten Numerus-Clausus-Beschränkungen betroffen sind, der Zugang entweder durch ein Aufnahmeverfahren vor der Zulassung oder durch die Auswahl der Studierenden beschränkt werden kann. Aufnahmeverfahren sind bei uns auf der TU Wien (auch wenn wir nicht vom Numerus Clausus betroffen sind) schon Gang und Gebe. Es gibt Studienrichtungen, in denen Prüfungen oder Beurteilungen am Anfang des Studiums, die positiv sein müssen, damit man weiter studieren kann, dazu ausgenutzt werden, um die Anzahl der Studierenden zu verringern.

Hintergrund Nr 4: Steigende Studierendenzahlen

Dass die steigenden Studierendenzahlen einer der Gründe ist, warum Zugangsbeschränkungen und Aufnahmeverfahren eingeführt werden sollen, liegt auf der Hand. Im WS 2009/10 nahm die Anzahl an Studierenden an der TU Wien um 20% zu. Die höchste Zunahme erfuhren eigentlich kleine bis mittlere Studienrichtungen, die durchaus noch Kapazitäten hätten. Trotzdem gibt es Schwierigkeiten, die zusätzlichen Übungs- und Laborplätze zu finanzieren.

Die großen Studienrichtungen werden als erste von Zugangsbeschränkungen getroffen werden. Dort reicht das Geld schon lange nicht für ein gutes Betreuungsverhältnis und genug Ressourcen aus. Um die Qualität des Studiums aufrecht zu erhalten gibt es keine besseren Ideen, als die Anzahl an Studieninteressierten zu reduzieren. Das mag zwar auf kurze Zeit gesehen sinnvoll sein, allerdings ist das keine langfristige Lösung. Die Problematik, die ich sehe ist folgende: Wie will man Zugangsbeschränkungen einführen? First come, first serve? Oder etwa durch Aufnahmeverfahren? Besonders Herrn Minister Hahn liegt es doch sehr am Herzen, dass die Studierenden besser über die Studien und die beruflichen Aussichten informiert werden um so jenes Studium wählen zu können, was sie wirklich interessiert und die Studierenden zu einem Abschluss bringen. Wie gewährleistet man das, wenn es darum geht, wer schneller inskribiert (first come, first serve)? Das kann wohl nicht das Ziel sein. Also müssen Aufnahmeverfahren her. Wie wäre es mit einem Einstiegstest und ab einer bestimmten Punkteanzahl darf man das Studium der eigenen Wahl studieren. Da frage ich mich, wie das der Orientierung helfen soll.

Hintergrund Nr 5: Studierende kosten

Allgemein werden Schülerinnen, Schüler und Studierende als ein Kostenpunkt gesehen. Man muss alle, die nach Bildung streben, als Menschen sehen, die arbeiten und produktiv sind. Sie sind keine Sozialschmarotzer, die den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern nur auf der Tasche liegen. Das scheint aber die öffentliche Meinung zu sein. Mein Studentinnenleben an der TU bestand immer aus einem geregelten Tagesablauf. Selten bin ich erst um 12 Uhr aufgestanden und war den ganzen Tag unproduktiv. So wie mir ist den meisten meiner Kolleginnen und Kollegen auch gegangen. Alle Menschen, die also meinen, dass wir als Studierende ja sowieso nur faul sind, nichts machen, nur saufen und so weiter nehme ich nicht ernst.

Alles in Allem ist es das erklärte Ziel des Ministeriums, dass die Anzahl an Studierenden, die ihr Studium abschließen, erhöht, die Anzahl an StudienabbrecherInnen gesenkt und das Studium beschleunigt wird. Zugangsbeschränkungen, Aufnahmeverfahren, Anwesenheitspflichten und beschränkende Studieneingangsphasen sind keine Lösung und keinesfalls eine Motivation, sondern eine Bestrafung. Minister Hahn wundert sich, warum der Großteil der Maturantinnen und Maturanten meistens nur aus 20 Studienrichtungen wählt. Wie soll man denn etwas anderes wählen, wenn man nicht einmal weiß, was man wählen kann? Es gibt keinerlei Orientierung während der Schulzeit. Eigene Interessen werden während der Schulzeit sowieso unterdrückt. Man kann sich als Individuum nicht entwickeln. Informiert wird man zum größten Teil auch nicht. Woher soll man wissen, wo die eigenen Interessen liegen, wenn diese während der Schulzeit unterdrückt werden? Wenn man nicht weiß, was man studieren soll, dann studiert man eben das, was die meisten studieren. Aus diesen Gründen gehört nicht Zeit, Energie und Geld in die Ausarbeitung von Studienbeschränkungen gesteckt, sondern in die Überarbeitung des österreichischen Bildungssystems.

Gemeinsam mit vielen Studierenden der TU Wien kämpfe ich:

  • für die freie Bildung, unabhängig von der finanziellen Situation, Herkunft, Religion und Vergangenheit eines Menschen.
  • gegen Zugangsbeschränkungen und Einschränkungen durch Studieneingangsphasen.
  • für Chancengleichheit für Frauen.
  • für selbstbestimmtes Studieren statt Verschulung der Universitäten.
  • für realistische Mindeststudienzeiten und faire ECTS.
  • für faire Arbeit auf Universitäten – Schluss mit prekären Dienstverhältnissen auf Hochschulen.
  • für freie Lehre und Forschung – gegen die Ökonomisierung der Bildung.
  • für mehr Mitbestimmung der Studierenden.
  • für die ausreichende Finanzierung von Universitäten und Bildung.

Bianka kämpft mit und für die Studierenden
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:06 - Main.UnknownUser
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzender: Lukas BÜRSTMAYR)
Wiedner Hauptstraße 8-10
1040 Wien
T: +43-1-58801-49501
F: +43-1-58691-54
sekretariat@htu.at