Rezensionen

Lässig lässlich

Die Sieben Todsünden erfreuen sich als künstlerisches Topos andauernder Beliebtheit, auch wenn Völlerei, Neid und dergleichen entgegen landläufiger Meinung selbst keine (Tod-)Sünden darstellen, sondern als schlechte Charaktereigenschaften nur deren Fundament. Aus dem Gegensatz zwischen „lässlicher“ (z. B. nicht im vollen Bewusstsein begangener) Sünde und „Todsünde“ (die, so nicht gesühnt, Verdamnis nach sich zieht) konstruiert Eva Menasse den schönen Titel ihres Buches. Man möge sich von gruseligen Assoziationen nach einst (Hieronymus Bosch) und jetzt (Seven!) freimachen, denn von den im katholischen Schuldbekenntnis angesprochenen „Gedanken, Worten und Werken“ sind hier vor allem erstere zwei verortet. Mit sprachlicher und erzählerischer Lässigkeit werden in sieben Kurzgeschichten Situationen aus der Wiener intellektuellen Szene geschildert. Natürlich geht es um Sex, Lug und Betrug, aber die Autorin pflegt einen selten „respektvollen“ Umgang mit der Erlebenswelt ihrer Figuren und erzählt deren Selbstbetrüge und Realitätsverweigerungen „mit“, sodass das „Sündhafte“ selbstverständlich, alltäglich und unspektakulär wirkt – und gerade dadurch reizvoll.

Eva Menasse: Lässliche Todsünden. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2009

Her mit dem schönen Leben!

Entgegen allen Unkenrufen der Postmodernisten ist klassischer Stil, gutes Benehmen und ein repräsentatives Eigenheim angeblich wieder viel gefragter als die damit oft „mitgemeinten“ Phänomene Oberflächlichkeitskult, Abgrenzungselitismus und Rollenbildfixierung gefürchtet sind. Desirée Treichl-Stürgkh qualifiziert sich durch familiären Adelstand (seit 1715!) und berufliche Tätigkeit als Zeremonienmeisterin im Hohetempel der guten Gesellschaft (Opernball!) zu einer zeitgeistigen Neuauflage. Das sehr persönlich gestaltete Büchlein enthält Tipps zur Einladungspolitik bei Dinnerpartys, zu Kunstkonsum, Familienleben und Beziehungspflege; exzessiver Gebrauch sinnleerer Anglizismen („Books und CDs“) scheint dabei ebensowenig wie falsch geschriebene Namen (wer ist Herr „Brendl“?) zu den „NO-GOs“ der Autorin zu gehören. Auflockernd skurill die Fragelisten zur Selbstreflexion („Wo waren Sie am 11. September 2001?“), die (unwillkürliche?) Aufklärung politischer Zeitgeschichte in Form von Benimmtips („In Russland immer einen angebotenen Drink akzeptieren. Gilt auch für Kärnten!“).

All das wirkt ebenso authentisch wie abgehoben, und erfüllt wohl ziemlich genau die Erwartungen einer Zielgruppe, die auf Lebensrealitätstourismus gehen will. Als Panoptikum bürgerlicher Lebenswelten auch von gewissem soziologischen Interesse; für NachwuchskabarettistInnen mit Inspirationsebbe ein kleiner Programmfüller (vielleicht in Konferenzlesung mit dem klassischen Elmayer?).

Desirée Treichl-Stürgkh: Lebensstil. Wie Sie mit Charme und Eleganz besser durchs Leben kommen. Brandstätter Verlag: Wien, 2009

Der höfliche Narziss

Armin Thurnher ist als Chefredakteur des Falter einer der Fixsterne des nicht allzu weiten heimischen Journalismushimmels. Während seine spezielle Beziehung zur Mediaprint sattsam bekannt ist, erzählt er in seinem ersten Buch ohne dezidiert politisches Thema von seiner Verehrung für den Pianisten Alfred Brendel. Seine über Jahre erfolglosen Versuche, den Meister journalistisch und persönlich zu treffen, bilden die Klammer, innerhalb derer er Innenansichten der Wiener Linksintellektuellenbourgeoisie (ein – dank Pseudonymen – lustiges Ratespiel) und des eigenen Musiksalons (Freud und Leid eines dilettierenden Pianisten mit musikprofessionellem Freundeskreis). Die Strategie, über sich zu erzählen, indem man vorgeblich über andere schreibt, ist eine riskante. Der Narzissmus des Armin Thurnher ist aber ein symphatischer: Thurnher schreibt über sich, seinesgleichen und die anderen so, dass man nicht aus Voyeurismus weiterliest; der Denkmalsetzung dem Ausnahmepianisten und -persönlichkeit Alfred Brendel zu Ehren tut dies indes keinen Abbruch.

Armin Thurnher: Der Übergänger. Zsolnay: Wien 2009

Gregor schreibt gerade keine Bücher.
Topic revision: r3 - 29 Mar 2011 - 21:00:06 - Main.UnknownUser
 

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