Buchrezension
Martin Suter: „Ein perfekter Freund“

Fabio Rossi, Journalist, recherchiert. Er versucht, seine eigene jüngste Vergangenheit zu rekonstruieren, nachdem er eines Tages im Krankenhaus aufgewacht ist, mit einem tauben Gefühl in seiner rechten Gesichtshälfte, vor allem aber ohne jegliche Erinnerung an die Ereignisse der letzten 50 Tage. Einzige Spuren: seine Kopfverletzung und eine fremde Frau an seinem Bett: Marlen, die zwar nicht sein Typ ist, sich aber als seine neue Freundin herausstellt. Von Marina hat er sich anscheinend getrennt, wie auch von seinem Job bei der Zeitung.

Fabio Rossi, Journalist, recherchiert weiter. Lucas ist ihm dabei keine große Hilfe: Fabios vermeintlich bester Freund scheint ihm Informationen vorzuenthalten und eher auf Marinas Seite übergewechselt zu haben. Überhaupt scheint sich sein Freundeskreis gegen ihn gestellt zu haben während dieser 50 Tage. Langsam ahnt er, dass er sich sehr verändert haben muss.

In Rossis vergessener Vergangenheit taucht ein geheimnisvoller Zeitungsartikel auf, den er zwar groß angekündigt, dessen Inhalt er aber niemandem verraten hat. Umso schwieriger erweisen sich die Recherchen. Rossis Journalisteninstinkt sagt ihm aber, dass dieser Artikel für die Aufdeckung der Geschehnisse essentiell ist und sein Weg führt ihn schließlich in die Welt der Lebensmittelindustrie, genauer: mitten in die dunklen, bittersüßen Gefilde der schwiizer Schoggi…

„Ein perfekter Freund“ ist ein leicht und gern zu lesender Roman. In puristischem Stil und mithilfe vieler Dialoge zeichnet Suter sehr vielseitige und detaillierte Profile der Figuren. Jede Seite macht neugierig auf die folgende, der Roman hat deren kaum genug, um die Leselust zu stillen. Den Leser erwartet eine höchst gelungene Mischung aus Gesellschaftskritik, Freundschaft, Liebe und etwas Naturwissenschaft, gebettet in den Alltag des Schweizer Großstadtlebens – und eine überraschende Wende gegen Ende des Romans. Dieser wurde übrigens in Frankreich unter dem Titel „Un ami parfait“ von Francis Girod verfilmt.

„Ein perfekter Freund“ von Martin Suter erschien im Diogenes Verlag (Zürich). ISBN: 978-3-257-23378-0

Johanna liebt schwiizer Schoggi!

Textprobe

(Seite 175)

„Wunderbar“, sagte Fabio.
Anselmo war nicht zufrieden. „Wunderbar, wunderbar, ich dachte, du bist Journalist, da arbeitet man doch mit Wörtern. Wunderbar! Körperlos ist das Wort.
Ein guter, junger Grappa ist körperlos.“
„Ich habe kein Gefühl rechts oben.“
„Wie, kein Gefühl?“
„Vom Unfall. Zwischen hier und hier ist es taub.“ Fabio zeigte ihm die Stelle.
„Auch die Lippen. Auch der Gaumen. Auch die Zähne. Vielleicht deshalb.“
„Auch die Geschmacksknospen?“ fragte Anselmo bewegt.
„Auch die“, bestätigte Fabio.
„Aber nicht alle?“
„Etwa ein Viertel.“
„Dann versuch’s noch einmal mit den übrigen.“
Fabio nahm noch einen Schluck, ließ ihn im Mund, schloss die Augen, wartete, wartete, schluckte und schwieg.
Anselmo hielt den Atem an.
„Körperlos“, stellte Fabio fest.
Anselmo schenkte die Gläser wieder voll. „Das waren keine zehn Minuten. Wir haben ihn probiert, bevor er ganz wach war.“
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