Eingekesselt
Ein Demonstrationsbericht

Freitag, 29. Jänner 2010, 18 Uhr. Nach dem TU Ball frisch geputzt und hergerichtet öffnen sich gerade die Tore der Hofburg, um den heutigen Gästen Einlass zu bieten. Am Ball des Wiener Korperationsrings, kurz WKR- oder auch Burschenschafter-Ball ist auch dieses Jahr wieder die Crème de la Crème der politisch Rechten Europas vertreten. Allen voran Österreichs 3. Nationalratspräsident und Olympia-Mitglied (vom DÖW als rechtsextrem eingestufte Burschenschaft) Martin Graf, der dafür extra auf die parallel stattfindende Nationalratssitzung verzichtete.

Szenenwechsel: Westbahnhof. Wir fahren mit der Straßenbahn ein und sehen überall Polizeiautos und PolizistInnen in Riot-Ausrüstung. Ob die Demonstration letztendlich genehmigt wurde, ist nicht klar. Zu viele sich ständig änderende Meldungen im Internet. Das ist uns auch egal, immerhin besteht in Österreich Versammlungsfreiheit und uns sollten keine Konsequenzen drohen. Es ist dennoch ein mulmiges Gefühl, als wir an der Polizei und den Absperrzäunen vorbeigehen, um von unserem Recht Gebrauch zu machen, gegen einen Ball der Rechtsextremen zu demonstrieren.

Bei den DemonstrantInnen angekommen merken wir schnell, auch die anderen Seiten sind von der Polizei versperrt. Später sollen auch noch die U-Bahnaufgänge abgeriegelt werden. Uns ist klar: Wir sind eingekesselt.

Es ist kalt. Der Platz füllt sich. Wir schätzen an die 800 TeilnehmerInnen, die Polizei schätzt 500. Ein Wagen steht bereit, der uns mit Musik versorgt. Lila Luftballons werden ausgeteilt. Ein paar Leute wärmen sich, indem sie auf- und abspringen. Sie rufen dabei: „Wer nicht springt, der ist ein Nazi!“. In der Mitte stehen einige komplett schwarz gekleidete Personen, vermummt, ruhig. Wir drehen eine Runde und plaudern mit FreundInnen. Niemand weiß, was jetzt weiter passiert.

Es scheint nun doch voranzugehen, die Mariahilferstraße runter. Aber nur schleppend. Es kommt zum Stillstand. Plötzlich Kehrtwende und wir werden schubartig wieder zurück Richtung Europaplatz gedrängt. Offensichtlich dürfen wir keinen Demozug antreten. Wasserwerfer fahren auf, zuerst auf der Mariahilferstraße, dann ein weiterer auf der Westbahnhofseite. Wollen sie die wirklich bei diesen Temperaturen einsetzen? Sicherheitshalber gehen wir beim Wagen in Deckung. Dort wird durch ein Megaphon durchgesagt, dass die DemonstrantInnen auf das Straßenfest im Sigmund-Freud Park ausweichen sollen.

Ich leiste dem Aufruf Folge. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob mich der Polizist an der Absperrung vorbeilässt. Er tut es. Ich gehe nicht zum Sigmund-Freud Park, sondern nach Hause, mir ist nämlich kalt.

Gerade daheim eingetroffen bekomme ich SMS-Nachrichten. „Wir kommen nicht mehr raus“, „Nur mit Anzeige“, „Ich erfriere“. Ich versuche, aufmunternd zu antworten und schalte den Computer ein. Per Live-Twitter lese ich Meldungen aus dem Kessel: „Polizei geht mit Pfefferspray gegen den Kessel vor!!“, „Schlagstockeinsatz außerhalb des Kessels“, „Mindestens vier Menschen mussten wegen Prügelorgie und Tränengas der Polizei bereits ins Krankenhaus gebracht werden“.

Inzwischen werden die DemonstrantInnen nur tröpfchenweise und nur unter Bekanntgabe ihrer Personalien rausgelassen. Wegen Verwaltungsübertretung. Diese wird dadurch begründet, dass ein Platzverbot verhängt worden war. Wie ich später in einem Video sehe, wurde dieses während der Demo ausgesprochen und einmal durchgesagt. Die Protestierenden – diejenigen, die das überhaupt mitbekamen – hatten dann zehn Minuten Zeit, über die Stumpergasse abzuziehen. Ungünstigerweise war dieser Ausgang zu dem Zeitpunkt nicht offen.

In dem Video sehe ich weiters, wie eine Gruppe mumifizierter DemonstrantInnen Knallkörper auf die PolizistInnen warf, an den Absperrungen zerrte und versuchte, diese zu durchbrechen. Das gefällt mir nicht, mit dieser Art der Gewalt kann ich mich nicht identifizieren. Richtig erschüttert mich aber der Vormarsch der Polizei. Dass die Barrikade zurückerobert wird und Helme und Schilde eingesetzt werden, sehe ich ein. Dass ein Polizist mit geballten Händen noch einmal nachsetzt, bevor er von KollegInnen zurückgezogen wird, finde ich nicht in Ordnung. Ein weiteres Video zeigt Pfefferspray-Sprühregen. Nein, das gefällt mir gar nicht.

Tage später lese ich von 673 Anzeigen. Die Polizeischätzungen werden auf 700 DemonstrantInnen nachgebessert. Allerdings wurden nicht nur Demo-Beteiligte angezeigt, auch BesucherInnen der im Kessel befindlichen Lokale sind von der Personalienaufnahme nicht ausgenommen. Kollateralschaden. Weiters lese ich von 15 verletzten PolizistInnen und einer verletzten Demonstrantin. Damit ist wohl nicht meine Freundin gemeint, die stundenlang im eiskalten Kessel eingesperrt war und anschließend unter einer schweren Erkältung litt. Ebensowenig die im Internet dokumentierten Fälle, die aus eigener Kraft den Weg ins Krankenhaus antraten.

Was den Beteiligten bleibt, ist ein Gefühl der Machtlosigkeit. So wird also in diesem Land mit BürgerInnen umgegangen, die auf den steigenden Einfluss von Nationalismus, rechter Politik und den damit verbundenen Gefahren hinweisen möchten. Ich jedenfalls bin gerade gar nicht stolz, in Österreich zu sein …

Anti-WKR-Ball Blog: http://nowkr.wordpress.com/
Politwatch Blog-Beitrag: http://www.politwatch.at/tags/WKR/
Demo-Dokumentationsvideo: http://www.vimeo.com/9119343
ORF-Bericht mit Video: http://wien.orf.at/stories/419243/
ORF-Bericht über Anzeigen: http://wien.orf.at/stories/420112/

Meni wird auch nächstes Jahr gegen Rechtsextremismus demonstrieren.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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