Die Verleihung des Goldenen Diploms
… und das Gutachten, in dem die Durchführung von massenhafter Tötung in nationalsozialistischen Konzentrationslagern für unmöglich erklärt wird.

*Alles begann mit der Verleihung eines Goldenen Diploms am 11. Dezember 2009. Das ist nichts Ungewöhnliches. Schließlich werden viele bereits erfolgte Verleihungen akademischer Grade aus einem besonderen Anlass, insbesondere anlässlich der fünfzigsten Wiederkehr des Tages der Verleihung, erneut vorgenommen. Bis vor kurzem waren viele Fakultäten und das Rektorat der Meinung, dass das auch der einzige Grund für die Verleihung des Goldenen Diploms ist. *

Was schon seit längerem in Vergessenheit geraten war, ist die Tatsache, dass die Verleihung nur auf Grund der besonderen wissenschaftlichen Verdienste, des hervorragenden beruflichen Wirkens oder der engen Verbundenheit mit der Technischen Universität Wien gerechtfertigt ist. Vor allem aber wurde vergessen, dass die Verleihung eines Goldenen Diploms eine Ehrung ist.

Am 17. Dezember 2009 erschien ein Artikel im „Standard“, der die Verleihung des Goldenen Diploms an den Bauingenieur Walter Lüftl bekannt machte. Am selben Abend rief ich noch Herrn Eberhardsteiner, den Dekan der Fakultät für Bauingenieurwesen und Herrn Sommer, den Pressesprecher der TU Wien an. Alle wirkten zunächst überrascht, jedoch auch nicht unberührt. Langsam wurde jedoch allen klar, dass etwas passiert war, das die Ehre der TU Wien in ein zweifelhaftes Licht rückte. Unverzüglich wurde am 18. Dezember eine Kommission dazu eingerichtet, die über die weitere Vorgehensweise beraten sollte. Wie schon in den Medien bekannt gegeben, bestand diese Kommission aus der Leiterin des TU Archivs, dem Dekan der Fakultät für Bauingenieurwesen, dem Vorsitzenden des Senats der TU Wien und mir als Vorsitzende der HTU. Im Laufe der Monate Jänner und Februar wurden etliche Stunden an Vorarbeit investiert und es gab insgesamt drei Treffen dieser Kommission.

Im Laufe unserer Arbeit schrieb Frau Dr. Juliane Mikoletzky als Leiterin des TU Archivs eine Stellungnahme, die sich mit den Voraussetzungen für die Erneuerung eines Akademischen Grades („Goldenes Ingenieur-Diplom“) für DI Walter Lüftl beschäftigt. Herr Lüftl, der in den Medien auch oft als Holocaust-Leugner bezeichnet wird, musste 1992 als Präsident der Bundesingenieurkammer zurücktreten. Der Grund dafür war ein „Gutachten“, in dem er die Durchführung massenhafter Tötung in Konzentrationslagern aus technischen Gründen für unmöglich erklärte. Dieses „Gutachten“ und auch die Zitate daraus wurden in diversen rechtsradikalen Zeitschriften veröffentlicht. 1995 wurde von Josef Bailer nachgewiesen, dass Lüftl von falschen Annahmen ausgeht. Eine Voruntersuchung gegen Lüftl von der Wiener Oberstaatsanwaltschaft wurde eingestellt, was aber nach einem Rechtsgutachten 2005 heutzutage so nicht mehr möglich wäre. Die Stellungnahme des TU Archivs inklusive aller Quellenangaben ist im Downloadbereich unter der Überschrift „Stellungnahmen“ auf http://www.htu.at zu finden.

Recherchen ergaben, dass die Unterlagen von Herrn Lüftl vor der Verleihung nicht ausreichend geprüft wurden. Im Satzungsteil „Ehrungen“ war eine Stellungnahme, die der zuständige Fakultätsrat zu der betreffenden Person vor der Verleihung eines Goldenen Diploms abgeben sollte, verlangt. Eine solche wurde nie abgegeben. Die Verleihung eines Goldenen Diploms wurde offensichtlich schon öfter nicht als Ehrung, sondern als etwas Selbstverständliches gehandhabt. Mit den Erkenntnissen und der Stellungnahme als Grundlage wurde von der Kommission einstimmig beschlossen, dem Rektorat zu empfehlen, das Goldene Diplom von Herrn Walter Lüftl zu widerrufen und den Satzungsteil „Ehrungen“ zu überarbeiten mit der Zielsetzung den Fakultätsrat qualifiziert einzubinden und damit die Beurteilung zu verbessern. Der Vorschlag zur Satzungsänderung wurde in der Senatssitzung am 25. Jänner 2010 beschlossen. Am selben Tag wurde auch Herr Walter Lüftl über den Widerruf seines Goldenen Diploms informiert. Die Empfehlung der Kommission „Causa Lüftl“ ist ebenfalls im Downloadbereich unter der Überschrift „Stellungnahmen“ auf http://www.htu.at zu finden.

Mit der Empfehlung war die Aufgabe der Kommission erfüllt. Was für mich persönlich jedoch zurückbleibt ist ein bitterer und grauslicher Nachgeschmack von den Aussagen mancher außenstehender Personen während der Diskussionsphase dieses Falles: Man verstehe nicht, warum man über die Massentötung während des Nationalsozialismus nicht objektiv und wissenschaftlich sprechen könne. Die gesamte Aufregung komme ja nur von sogenannten linkslinken Gutmenschen. Herr Lüftl hätte sein Goldenes Diplom nicht für das „Gutachten“ bekommen, sondern für seine Verdienste während des Berufslebens, und das wäre gerechtfertigt. Dazu kann ich nur schreiben – FALSCH! Eine Ehrung wird nicht nur für ein erfolgreiches Berufsleben verliehen. Eine Ehrung heißt auch, dass die Universität auf die Absolventin oder Absolventen stolz ist und sich in ihr oder ihm selbst darstellen und wiedererkennen kann. Die Verleihung eines Goldenen Diploms ist nicht nur eine Ehrung für denjenigen Menschen, der es verliehen bekommt, sondern auch eine Ehre für die Universität, die es verleiht.

Bianka war an der Erstellung des Workflows für Goldene Diplome beteiligt.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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