10 Jahre Bologna

Im Jahr 1999 unterschrieben die Wissenschaftsminister und -ministerinnen der europäischen Union die „Declaration of Bologna“, das Ziel: Die Schaffung eines „konkurrenzfähigen“ Hochschulraumes bis zum Jahr 2010. Ein hochgestecktes Ziel. Und wenn man jetzt im Jahr 2010 zurückblickt – haben wir dieses Ziel erreicht?

Bei der letzten MinisterInnenkonferenz in Leuven hieß es:

Bericht über den Stand der Umsetzung der Bologna-Ziele Im Rahmen der Konferenz wurde der Bericht über den Stand der Umsetzung der Bologna-Ziele (Stocktaking Report 2009) auf europäischer Ebene und in den einzelnen teilnehmenden Ländern vorgestellt. Bewertet wurden vor allem die drei prioritären Bologna-Ziele: Qualitätssicherung, die zweigliedrige Studienstruktur und Anerkennungsfragen, zusätzlich die Anerkennung von früher erworbenen Qualifikationen sowie die Umsetzung der nationalen Qualifkationsrahmen. Österreich liegt insgesamt bei der Umsetzung im europäischen Spitzenfeld. Im Bereich der Studienarchitektur zeigen die neuesten Zahlen, dass 82% der Studienrichtungen an Universitäten und 95% der Fachhochschulen bis zum Wintersemester 2008/2009 in zweistufige Bachelor-/Master-Studien umgewandelt wurden. Insgesamt gibt es derzeit 298 Bachelor- und 455 Master-Studien an den Universitäten sowie 180 Bachelor- und 89 Master-Studienprogramme im Fachhochschulbereich. Im Bereich der Anerkennungs- und Akkreditierungsfragen liegt der Umsetzungsgrad in Österreich bereits bei 100%. Nachholbedarf hat Österreich bei der Umsetzung des nationalen Qualifikationsrahmens sowie der Anerkennung von früher erworbenen Qualifikationen, wo Österreich im europäischen Durchschnitt liegt.

http://www.bmwf.gv.at/eu_internationales/bologna_prozess/ministerinnen_konferenz_09/

Na ja. Klingt doch eigentlich nicht so schlecht. Mit halb geschlossenen Augen an der Kuppe des Tellerrandes entlangzuschweifen und ein Pi mal Daumen Urteil abzugeben kann schon was. Was für Opfer man nicht bringt bloß um sich selbst beweihräuchern zu können.

Aber ich erinnere mich da dunkel an irgendwelche sogenannten „Studierendenproteste“, die es ja angeblich im letzten Semester gegeben haben soll und einer der Hauptpunkte, die von den unzufriedenen Studierenden angekreidet wurden, war doch der Bolognaprozess, der, wie ich selbst auch zugeben muss, für viele Dinge herhalten musste für die er nichts konnte, aber die Kritik war trotzdem berechtigt. Denn nur weil der Bolognaprozess ungerechtfertigter Weise für Dinge verantwortlich gemacht wurde für die er nichts kann, heißt das nicht, dass die Umsetzung des Bolognaprozesses in Österreich das Gelbe vom Ei und Österreich ein Vorzeigeschüler ist. Daher möchte ich euch nun ein paar der meiner Meinung nach eigentlichen Ziele des Bologna Prozesses im Vergleich zu ihrer tatsächlichen Umsetzung präsentieren.

Durch den Bolognaprozess sollten Studien in Europa besser vergleichbar gemacht werden. Dies wurde verfolgt durch die Einführung des einheitlichen European Credit Transfer Systems (ECTS), wo ein ECTS laut EU-Richtlinien 25-30 Echtzeitstunden entspricht und ein Semester 30 ECTS enthält. Andererseits sollten die Abschlüsse im Bolognaraum vereinheitlicht werden, damit man zum Beispiel an seinen Bachelor einen fachverwandten Master an einer beliebigen europäischen Universität anhängen kann.

Der österreichische Gesetzgeber beschloss, ein ECTS entspricht einem Arbeitsaufwand von 25 Stunden. Die Professorinnen und Professoren sehnten sich nach den guten alten Semesterwochenstunden, bei denen man einfach die Präsenzzeit der Lehrveranstaltungsleiter messen konnte und als „Kompromiss“ wurden zur Vereinfachung Umrechnungsfaktoren von ehemaligen Semesterwochenstunden auf ECTS eingeführt, die leider am eigentlichen Ziel des European Credits Transfer Systems vorbeischossen, da sich nun ECTS aufgrund des Konkurenzkampfes der Universitäten und Einzelpersonen, die für Anrechnungen zuständig sind, nicht vergleichen ließen.

Die Einführung der dreigliedrigen Studienarchitektur erwies sich da schon einfacher. Man nahm das alte Diplomstudium, cuttete es nach dem 6. Semester, zwängte noch mindestens eine Bachelorarbeit hinein und hatte einen Bachelorstudienplan. Dass man sich zunächst einmal überlegt was ein Bachelor eigentlich können soll und sich dabei eventuell an den Empfehlungen der EU den sogenannten Dublin Descriptors (http://www.jointquality.org) orientiert und darauf einen Studienplan aufbaut, das fiel keinem und keiner ein. Es war doch leichter, die Outcomes der alten Lehrveranstaltungen in das Qualifikationsprofil zu übertragen und alles beim Alten zu belassen.

Das um nur zwei Problemfelder anzusprechen. Wenn ihr aber denkt wir wären schon am Ende der Fahnenstange angelangt und es kann gar nicht mehr schlimmer kommen: Weit gefehlt. Schließlich ist es ein Wunschtraum unseres Vizerektors für Lehre, die Studien der TU Wien zu modularisieren, um, so unterstellen ihm böse Zungen, versteckte Prüfungsketten einzuführen. Dass er sich dafür die Empfehlungen von Herrn Gottfried Bacher, der im Dokument „ECTS – Curriculumsentwicklung – Modularisierung“ beschreibt wozu Module eigentlich gedacht sind, anschauen hätte können fiel ihm natürlich nicht ein. Das Modul sollte laut Richtlinien statt Studienpläne mit einigen großen und einigen kleinen Lehrveranstaltungen anzubieten, Lehrveranstaltungen in gleich großen Blöcken von zum Beispiel 5 ECTS, oder einem Vielfachen davon zusammenfassen um dadurch die Anrechnung an anderen Universitäten erleichtern. Aber was interessieren ein studienrechtlich monokratisches Organ einer autonomen Universität schon Empfehlungen eines Ministeriums?

Jakob hat 25 bis 30 Stunden aufgewandt um diesen Artikel zu schreiben, das entspricht einem ECTS
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:02 - Main.UnknownUser
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzender: Lukas BÜRSTMAYR)
Wiedner Hauptstraße 8-10
1040 Wien
T: +43-1-58801-49501
F: +43-1-58691-54
sekretariat@htu.at