Zwischen Königsgrätz und Córdoba

Drei aktuelle Publikationen widmen sich dem Themenkomplex „Deutschland : Österreich“ auf recht unterschiedliche Weise

Wie auf wenig anderes kann man sich in Österreich unabhängig von Region, Bildungsstand und politischem Hintergrund auf ein launisches Herziehen über die Bewohner des nördlichen Nachbarlandes verständigen. Selbst in Kreisen, die sich für fortschrittlich, differenziert usw. halten, erkennt man im Piefke-Bashing weder ein chauvinistisches/rassistisches Potential, noch die Kontinuität zur jahrzehntelang staatspropagandistisch konstruierten „antideutschen“ österreichischen Identität. Geradezu als narzistische Kränkung wird empfunden, dass von deutscher Seite unseren auf sie bezogenen Identitätskomplexen bestenfalls mit höflichem Interesse, kaum jedoch ähnlich manisch-depressiv begegnet wird, wie sie unsererseits betrieben werden.

Fröhliche Wissenschaft, …

Es spricht also einiges dafür, sich mit dem Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich über die Schlagworte „Córdoba“, Opfermythos und Medizinstudium hinaus zu beschäftigen. Das AutorInnentrio Hannes Leidinger, Verena Moritz und Karin Moser hat mit Streitbare Brüder eine gute Grundlage hiezu vorgelegt.

Hier werden die Mythen, die den Themenkomplex „Deutschland–Österreich“ umranken, ebenso einer historischen Überprüfung unterzogen wie deren Interpretation und Instrumentalisierung analysiert werden – vom Über-Ur-Deutschen Arminius/Hermann (kürzlich dank NR-Präsident Graf im Parlament gewürdigt) bis zum Martyrer-Kanzler Dollfuss (der ist hingegen im ÖVP-Klub zu finden); vom österreichischen Fußball-„Wunderteam“ der Zwischenkriegszeit bis zur Tennisschlacht zwischen Michael Stich und Thomas Muster; vom Wien-Bild im NS-Kriegserbauungsfilm bis zur zeitgenössischen Film- und Fernsehproduktion.

Weniger als die Geschichte zu erzählen wird hier jedoch der Diskurs analysiert. Dies setzt vielfach eine grundsätzliche Kenntnis der Materie voraus, was insbesonders im historischen Teil den mit geschichtlichen Schulkenntnissen ausgestatteten Leser leicht überfordert und die Lektüre zu dritt (ich, mein Buch und Wikipedia) nahelegt. Leichtfüßiger die Teile über Populärkultur und Geistesströmungen; dank differenziertem Blick und schwungvoller Sprache wird der Erkenntnisgewinn zum Lesevergnügen.

… bebildertes Kabarett …

Von den Kabarettisten Florian Scheuba und Rupert Henning sowie dem Zeichner Gerhard Haderer stammt der Band Cordoba. Das Rückspiel. Die gewählte Form muss als seltsam bezeichnet werden, handelt es sich doch um eine in Gegenwart gehaltene Erzählung mit Illustrationen. Anhand der 1989 aus Ostdeutschland (genauer aus „Schwarze Pumpe“, erster Lacher!) nach Wien geflohenen Familie Moelke und ihrem Umfeld werden alle denkbaren Varianten durchgespielt: Sprachliche Absonderlichkeiten beiderseits, Fußballpatriotismus, Studierendeninvasion, deutsche Tourismusangestellte, Integration und (hier komischerweise gegen Deutsche gerichtete) politische Xenophobie der FPÖ. Die Einfälle sind gut, die Situationen komisch, allein – die Bildband-Erzählform wird der Kabarett-Rhetorik nicht gerecht. Vielleicht wäre der Idee durch nur kurze Untertexte zu den großartigen Haderer-Zeichnungen besser gedient gewesen.

… und piefkinesischer Holzhammer

Marion Kraske war bis 2009 Korrespondentin des Spiegel in Wien und als solche mit Österreich und der europäischen Nachbarschaft beschäftigt. Ihr jetzt erschienener Band verspricht eine „Beobachtungsreise zu Österreichs Merkwürdigkeiten“, wobei der Spiegel-Stil ermöglicht, die Themen Rassismus, NS-Verharmlosung, Kronen Zeitung, Kärnten, Korruption, und allgemeines politisches Klima in einem handlichen Band abzuhandeln. Inhaltlich strotzt der Band leider vor Allgemeinplätzen jeder Art. Der Refrain „das gibt es nur in Österreich“, der jede die geschilderten Absonderlichkeiten begleitet, wirkt befremdlich aus der Feder einer Korrespondentin, die angeblich auch aus den Nachbarländern berichtet hat, dort von Korruption, Rassismus, Antisemitismus und struktureller Ausgrenzung aber nicht viel mitbekommen haben dürfte. Dazu jongliert die Autorin windig mit Prozentzahlen, Vergleichswerten ohne Referenz, und führt Gespräche, deren Wiedergaben selbst die hochintegren Gesprächspartner blöd aussehen lassen.

Marion Kraskes Buch stellt die gelernt österreichische Leserin vor ein kleines Dilemma. Betrachtet man Stil, Rechercheniveau, oder das Verständnis der Materie, kann es leicht als billiges Empörungspamphlet abgetan werden, das einen bereits im Umfang eines Spiegel-Artikel genervt hätte – allzu oberflächlich die Analyse, allzu phrasenhaft die Argumentation.

Nicht wegargumentieren lassen sich jedoch die Zustände, die dem opus zugrunde liegen; ebensowenig, dass die politische Außenwahrnehmung Österreichs nun einmal von unseren Krawallmedien, der politischen Unterseeintelligentsia, dem Alltagsrassismus mitgeprägt werden, so differenziert die Gründe für deren Existenz auch sein mögen. Die feinsinnige Konfrontation und Analyse der unendlich vielen österreichischen Kollektivkomplexe ernährt seit jeher eine blühende Kunst- und Literaturszene, entrückt aber den Skandal ins Kulissenhafte. Um diesen in Erinnerung zu rufen, hat so ein piefkinesischer Holzhammer bisweilen seine Rechtfertigung.

Gregor beschäftigt sich gerne mit komplexen Identitäten.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:02 - Main.UnknownUser
 

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