Im Zentrum der Lehre

Im Jahr 1630 wagte es Galileo Galileil in seinem Werk „Dialog über die zwei Weltensysteme“, sich der kirchlichen Autorität zu widersetzen und die Sonne statt der Erde ins Zentrum zu rücken.

Auch wenn durch verbesserte Messmethoden und den wissenschaftlichen Fortschritt sein Modell in der Zwischenzeit verbessert werden konnte, so ist sein Ansatz von damals doch bestätigt: Die Bewegungen der Himmelskörper unseres Planetensystems sind mit der Sonne im Zentrum einfacher zu berechnen als mit der Erde im Zentrum.

Im Jahr 2010 wage ich es nun, eine Veränderung des Zentrums in einem viel kleineren Kosmos als dem Universum vorzuschlagen: Lasst uns doch in Zukunft ins Zentrum der Lehre die Studierenden anstatt der Lehrenden stellen!

Aber was ist nun eigentlich der Unterschied zwischen der studierendenzentrierten Lehre im Vergleich zu anderen Lehralternativen? Im Groben und Ganzen gibt es drei große Punkte, auf denen Lehre aufgebaut werden kann: Verwaltung, Lehrpersonal und, wie schon oben erwähnt, auf Studierenden, die studierendenzentrierte Lehre. Die drei Varianten Unterscheiden sich in ihren Proritäten und Zielen. Beim Produkt Lehre, das wir kennen, handelt es sich meistens um einen Mischform, bei der die eine oder andere Form überwiegt.

Das Problem, das in Österreich besteht (und dabei geht es bei weiten nicht ausschließlich um die Lehre im tertiären Sektor) ist, dass in unserem Heimatland die Lehrenden im Zentrum der Lehre stehen. Die Verwaltung bekommt – typisch österreichisch – auch noch ein größeres Stück vom Kuchen ab und für die Studierenden bleibt nicht mehr viel übrig. Sprich, das Lehr- und Lernsystem in der Republik Österreich basiert auf einem System von Studierenden, die das Wissen von Meisterinnen und Meistern aufsagen. Die Meisterinnen und Meister, welche ihr Fachgebiet beherrschen, bringen ihren Studierenden ihr Wissen bei, welches sie in ihrem Fachgebiet erlangt haben.

Die Kommunikation funktioniert dabei nur in eine Richtung. Eine Möglichkeit der Rückkoppelung sowie Retourschleifen sind dabei fast unmöglich. Im Anschluss daran wird die Kommunikationsrichtung umgekehrt und die Studierenden haben die Möglichkeit, ihren Meisterinnen und Meistern zu beweisen, dass sie das Fachgebiet grundlegend verstanden haben. Hier existiert eine Feedbackschleife, in welcher die Meisterinnen und Meister die Leistung ihrer Studierenden bewerten. Der gesamte Akt wird ausreichend dokumentiert und den Studierenden wird ein Bescheid ausgestellt, welcher ihnen bescheinigt, das jeweilige Fachgebiet in ausreichendem Maße zu beherrschen.

Klingt doch eigentlich gar nicht so übel, eine Generation gibt ihr Wissen an die nächste Generation weiter und so bleibt Wissen auf ewig erhalten und entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter. Ja, in einer idealen Welt, in der Meisterinnen und Meister die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben und Studierende nicht für die nächste Prüfung sondern fürs Leben lernen wäre das System gar nicht einmal so schlecht. Doch wir leben leider in keiner idealen Welt. Wir leben in einer aufgeklärten Welt, wo man Meinungen kritisch hinterfragen kann, bzw. eigentlich sogar soll. Um diese Ideale zu fördern wäre es eventuell sinnvoll, nicht primär eine Autorität und die Dokumentation ins Zentrum der Lehre zu stellen, sondern deren Empfängerinnen und Empfänger. Also die, um die es eigentlich geht und an deren Output man im Nachhinein den Erfolg der Lehre messen kann.

Daher nun die Vision einer studierendenzentrierten Lehre: Wie der Name schon sagt stellt die studierendenzentrierte Lehre die Studierenden in den Mittelpunkt. Hierbei geht es demnach weniger um einfach zu verwaltende Lehrveranstaltungen oder um einen möglichst geringen Arbeitsaufwand für die Lehrveranstaltungsleiterinnen und -leiter. Nein, bei der studierendenzentrierten Lehre geht es darum, für die Studierenden einen maximalen Output aus der Lehrveranstaltung zu holen! Da nicht alle Studierenden gleich sind, kann das für jede und jeden etwas anderes bedeuten. Ziel ist also nicht, dass man für einen positiven Abschluss der Lehrveranstaltung ein vorhin gestecktes Ziel erreicht, sondern, dass man unter der Leitung eines „Coaches“, dessen Rolle eine Lehrende oder ein Lehrender in diesem Modell nämlich einnimmt, für sich selbst das Optimum aus den für sie zur Verfügung stehenden Mitteln herausholen.

Der Weg hin zur studierendenzentrierten Lehre wird kein einfacher sein. Der Weg wird eine Zusammenarbeit von Lehrenden, Studierenden und Politik voraussetzen. Doch wenn wir diesen Weg gemeinsam beschreiten und zu Ende schreiten, dann ist vielleicht auch für die Zukunft des österreichischen Bildungssystems ein Hoffnungsschimmer zu erkennen…

Jakob visioniert …
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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