Keine Schreihälse...

„Demokratie braucht Eliten, und keine Schreihälse“, befand die deutsche Bildungsministerin Anette Schavan angesichts demonstrierender Studierender. Als Politikerin hat sie ein natürliches Gespür für gesellschaftlichliche Bedürfnisse: die Elite ist wieder angesagt. Analog jenen alten Werten, die von einem bösartigen kryptokommunistischen Meinungsmainstream mit einem Denkverbot belegt worden seien (etwa „Heimatliebe“, „Mutterrolle“ und „Autorität“) kommt wieder was schon einst gut war. Verflogen die irrige Analyse, die Selbstgerechtigkeit und Autoreferenz der Eliten hätte Deutschland mit in die Katastrophe geführt – heute braucht sie die Demokratie!

Dabei haben oft weder die sonntagsredenden PolitikerInnen und noch viel weniger jene, die sich selbst gerne der Elite zugehörig sehen ein konkrete Idee, was denn das eigentlich sei. Die junge Journalistin Julia Friedrichs unternimmt in Gestatten: Elite eine Reise durch die Welt der „Ausgewählten“. Inspiriert durch das persönliche Erlebnis eines Recruitingevents des Consulting-Multis McKinsey besucht sie private Wirtschaftshochschulen mit fünfstelligen Studiengebühren, Kinderkrippen mit Baby-Yoga und Frühchinesisch und Internate in bayrischen Burgen.

Die Eliten, die sich der Autorin dort präsentieren, glänzen jedenfalls: Abgeschiedene Schlösser als Studienorte, stilvolle Empfänge, Studierende in Cabrios. Beneidenswerte Betreuungsverhältnisse, modernste Ausstattung, Studiengebühren im fünfstelligen Bereich für die Sprößlinge der deutschen „Wirtschaftselite“. Den großen Vorteil gegenüber dem öffentlichen Bildungswesen formuliert ein Rektor recht unumwunden: „Was umsonst ist, ist auch nichts wert“.

Exzellenz, eher rhetorisch

Auf objektivierbare Leistung bezieht sich die gepredigte Exzellenz allerdings kaum: die AbsolventInnen der „Elite-Hochschulen“ glänzen meist weder durch außerordentliche Abitur- oder Studienleistungen, noch ihre Institutionen durch wissenschaftliche Produktion. Aber sie lernen, was gut und teuer ist: Selbstvermarktung, Gruppenführung, Talkshow-Training, nebenbei Stilkunde durch das ausgewählte Umfeld. Und Zugang zu den Netzwerken der Arrivierten. Diese Elite definiert sich ihre eigenen Regeln, um sich selbst zu perpetuieren.

Elite-Bildung ist kein Phänomen der gesellschaftlich-ökonomisch Arrivierten, das versucht die Autorin mit ihrem Ausflug zur Attac-Aktionsplanung im Vorfeld von Heiligendamm zu belegen. Die dort versammelte „progressive Elite“ der Alternativ-NGO-Szene weist tatsächlich antiparallele Ähnlichkeiten zur jungen „Wirtschaftselite“ auf – Kleidungs- und Sprachnormierung, Netzwerkkapital, Sendungsbewusstsein und Selbstzufriedenheit, sowie eine gewisse Entfremdung von den gesellschaftlichen Lebensrealitäten.

Dass bei aller essayistischen Breite des Anspruchs ausgerechnet das Universitäts-Kapitel eher dürftig gerät ist bedauernswert aber verzeihlich. Unglücklicher ist eher, dass den gesellschaftlichen Ursachen für die Renaissance der Eliten kaum nachgegangen wird – schließlich erfreut sich der „Elite“-Diskurs auch in Zielgruppen, von denen sich abzugrenzen das Bedürfnis eben jener „Eliten“ ist, einer eigenartigen Akzeptanz. Auch das Alltags- und Unterhaltungsleben ist durchsetzt von Angeboten, die „Elitäres“ versprechen – sei es der „elitäre“ Ferienklub oder die „Eliteeinheit“ im TV-Hauptabendprogramm.

Andererseits wird dem „Elite“-Begriff nicht völlig beizukommen sein, wenn er zu sehr auf die ökonomischen Eliten beschränkt wird. Elitäre Gruppenbildung und -perpetuierung ist kein alleiniges Phänomen des Wirtschaftslebens, sondern auch in anderen Bereichen (Stichwort „Informationselite“) beobachtbar und mitunter geradezu romantisch verklärt – das „der Welt abgewandte Bildungs-Mönchtum“ des Hermann Hesse spricht Bände.

Dessen ungeachtet ist dieser in flüssigem Radioreportage-Stil verfasste Essay durch die Reservate der „Auserwählten“, immer wieder konterkariert durch die persönliche Biographie eines Kindes der „bundesrepublikanischen linken Mittelschicht“, ein wertvoller Beitrag zur Hinterfragung hohler Phrasologien.

Julia Friedrichs, Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen, Hamburg: Hoffmann und Campe, 2008
Topic revision: r4 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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