Buch-Rezension und Gedanken zu „Wo bitte geht’s zu Gott? Fragte das kleine Ferkel von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke“ ISBN: 978-3-86569-030-2

„Ein Heidenspaß für Groß und Klein. Geeignet für alle, die sich nichts vormachen lassen…“

Was mag wohl dazu führen, dass es im HTU-Info einen Bericht über ein Kinderbuch gibt? Weil die Redaktion und der Schreiber kindisch sind? Weil die Illustrationen so süß sind? Oder vielleicht der Umstand, dass gegen besagtes Kinderbuch in Deutschland vom Bundesfamilienministerium ein Indizierungsantrag eingereicht wurde? Vielleicht ein bisschen von allem.

Bevor wir zu den Vorwürfen kommen aber noch kurz zum Inhalt des Buchs. Nachdem sie auf einem Plakat den Spruch „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“ sehen, beschließen das kleine Ferkel und der kleine Igel, diesen Herrn Gott suchen zu gehen, damit ihnen nichts mehr fehlt. In Synagoge, Kirche und Moschee wollen sie mehr dazu erfahren, doch was sie hören verblüfft sie sehr: Dass Gott aus Zorn all die alten Omas und Meerschweinchen und sowieso fast alle ertränkt hat, dass Christen Menschenfresser sind und dass man sich sehr oft waschen sollte. Alle, die neugierig geworden sind, was Ferkel und Igel so erfahren, haben neben dem Kauf des Buches übrigens auch die Möglichkeit, die englische Version auf der Homepage des Buches, www.ferkelbuch.de, zu lesen.

Und nun zu dem ganzen Trubel, der um das Buch ausgebrochen ist. Wie schon erwähnt gibt es einen Indizierungsantrag, dessen Verhandlung am 6. März stattfinden wird. Begründet wird dieser mit Hinweis auf eine Szene in der der Rabbi die Sintflut erklärt. Diese stellt „die jüdische Religion als besonders menschenverachtend, grausam und mitleidslos dar“ und führe somit zu antisemitischen Tendenzen in dem Buch. Weiters sei das Buch geeignet Kinder und Jugendliche sozial-ethisch zu desorientieren. Dass es die drei großen Weltreligionen verächtlich darstellt versteht sich von selbst. Na so ein böses Ferkel.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat überdies noch eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung erstattet, mit der Begründung des Antisemitismus. Sogar der Vergleich zum „Stürmer“ der Nationalsozialisten wird angestellt.

Der Generalsekretär des Deutschen Zentralrats der Juden sieht zwar keinen Antisemitismus, da schließlich alle drei Religionen verleumdet werden. Eine Indizierung hält er aber ebenso für notwendig, da „das Buch an junge Kinder wendet, die solch einer Antireligionshetze hilflos ausgesetzt sind“. Und die nackt dargestellten Menschen der letzten Seiten könnten Kindern sogar Angst machen.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland fordert ohne größere Ausführungen ebenfalls eine Indizierung.

Interessant ist es, dass von den drei im Buch vorkommenden Religionen es gerade die katholische Kirche ist, die den Antisemitismus sieht, und nicht die davon betroffenen selbst. Aber vielleicht greift die katholische Kirche einfach nur auf ihre jahrtausendelange Erfahrung als Ausübende zurück? Oder es braucht einen Vorwand, um die Anzeige nicht mit „die haben eine andere Weltanschauung als wir“ begründen zu müssen.

Der Autor Schmidt-Salomon kommentiert dies so: Wenn seine Wiedergabe der Sintflut-Geschichte Anstoß errege, müsse man „zuerst einmal die Bibel auf den Index der jugendgefährdenden Schriften stellen“. Der Zeichner Nyncke, dessen Zeichnungen ja mit dem Stürmer verglichen wurden, betont dass er mit Sorgfalt darauf geachtet habe, keine negativen Klischeebilder zu verwenden.

Kritik, Vorwürfe und Gegenargumente lassen sich natürlich beliebig lang fortsetzen, doch will ich dem Kern der Sache näher kommen. Denn dieses Buch ist nicht die erste Kontroverse, nur seine Position als Kinderbuch ist ein Novum. Dawkins und der „Gotteswahn“ und diverse Karikaturen haben schließlich auch schon Wellen geschlagen, viele weitere Werke gehen vergleichsweise unter.

Doch dies sind nur die Symptome des Konfliktes zwischen Religion und Säkularismus sowie Atheismus, der in den letzten Jahren zugenommen hat. Religionskritiker treten immer aggressiver auf Gläubigenzahlen sinken. Kulturelle Zwiste, die auf religiöse Aspekte reduziert werden, gesellen sich dazu. Allseitig werden raue Töne angeschlagen, auf der einen Seite weil sich nun die Chance bietet, breite Aufmerksamkeit zu erlangen, auf der anderen, weil man die bisherigen Abläufe in Gefahr sieht. Schließlich genießen anerkannte Religionen in Deutschland und Österreich viele Sonderrechte, vor allem im Bezug auf Steuern und Schulunterricht, aber auch einen gewissen Schutz vor Angriffen.

Dass gerade das Ferkelbuch so angegriffen wird, könnte aber vielleicht daran liegen, dass es direkt in die Kindererziehung eingreift, die bisher eine sichere Domäne für Religionen war. Und auch der größte Lieferant für neue Gläubige, daher wäre es ja wohl auch eine Frechheit, wenn die Kinder plötzlich über ihre Religionszugehörigkeit nachdenken oder gar selber entscheiden würden.

Eine ausführliche Diskussion des Themas Religion würde wohl den Rahmen des ganzen HTU-Infos sprengen, also will ich nur einige Fragen aufwerfen, über die geneigte LeserInnen nachdenken können.

Bringt die Indizierung eines Kinderbuches wirklich etwas, da Kinderbücher meistens von erwachsenen eingekauft werden?

Wo liegen die Grenzen von Meinungsfreiheit? Ab wann ist es gerechtfertigt, sich beleidigt zu sehen?

Ist das Ferkelbuch geschmacklos, dumm und antisemitisch, oder eher aufklärend, Angst nehmend und positiv?

Gefährden Indizierungen Meinungsfreiheit und Liberalismus?

Ist es verwerflich, Kindern realistische Zeichnungen nackter Menschen zu zeigen?

Darf man gegenüber moralischen Absolutheitsansprüchen Toleranz zeigen?

Wie verträgt sich religiöser Pluralismus mit nur einer einzigen Wahrheit?

Wo wird Kindeserziehung zur Indoktrination?

PS: Mitte November hat das Buch bei Amazon Rang drei bei den Kinderbüchern, und im gesamten Verkaufsranking immerhin Platz 20. Bei den Kinderbüchern war es allerdings auch schon auf Platz 1. Kurz vor Weihnachten. Das sind aber sicherlich nur Hamsterkäufe Ungläubiger, bevor es auf dem Index landet…

Beilagen: Cover vom Buch (größere gibt’s sicher auf der Ferkelseite)

Textbox: Indizierung in Deutschland Indizierte Werke dürfen weder beworben, noch an Unter-18-Jährige verkauft werden. Offen angeboten werden auch nicht, was „Verkauf unter dem Ladentisch“ bedeutet. Aktuell sind ca. 5300 Titel indiziert, während eine Indizierung 25 Jahre wirksam ist, dann muss ein neuer Antrag gestellt werden. Der Begriff selbst geht auf das Aufnehmen eines Buches in den Index Librorum Prohibitorum zurück, der die für KatholikInnen verbotenen Bücher angab. Offiziell gibt es einen solchen seit 1966 nicht mehr, aufgrund der Undurchführbarkeit angesichts der Medienvielfalt.

-- Main.NiciW - 20 Feb 2008
Topic revision: r4 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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