I don't belong to her, I don't belong to anybody

„I'm Not There.“ von Todd Haynes

Viele Jahre ging der amerikanische Regisseur Todd Haynes (Velvet Goldmine, Far From Heaven) mit der Idee schwanger einen Film über Bob Dylan zu machen. Aber braucht die Welt das wirklich, ein weiteres edles Biopic über eine alte Popkulturfigur? „Eigentlich nicht!“, hat sich schließlich auch Todd Haynes gedacht und stattdessen „I'm Not There“ gedreht. Einen Dylanfilm, aber keine streng chronologische und vermeintlich authentische Abhandlung eines Musikerlebens.

Todd Haynes bedient sich stattdessen im reichhaltigen Fundus an Fremd- und Selbstkonstruktionen, die diese völlig überdeterminierte Kunstfigur ausmachen. Daraus erschafft er Filmcharaktere, die als Dekonstruktionen ausgewählter Aspekte der Dylan-Ikonographie fungieren. Der Junge mit der Gitarre, der Poet, der Protestsänger, der zum Christentum konvertiert, der Filmstar, das 60ies Drogenorakel, der alternde Cowboy. Ergibt sechs Erzählungen, verknüpft zu einem nichtlinearen Netz aus Referenzen und Zitaten.

Dass dieses Netz trägt liegt vor allem an der famosen Besetzung. Allen voran natürlich Cate Blanchett, mit ihrer mageren Statur und dem verwuschelten Haar. Wie sie sich den fahrigen Gestus des Mid-Sixties Popkulturpapstes überstreift und dabei jegliche Geschlechterzuschreibung ad absurdum führt ist einfach grandios. Heath Ledgers Figur erlaubt schmerzhafte Einblicke in die Beziehungskrise eines chauvinistischen Schauspielers. Und auch den restlichen vier Hauptdarstellern (Ben Whishaw, Marcus Carl Franklin, Christian Bale, Richard Gere) gelingt es ihre Charaktere so mit Leben zu erfüllen, dass man den einzelnen Erzählungen folgen kann, obwohl der Film ständig wild durch Raum und Zeit springt. Unterstützt wird die Wiedererkennbarkeit der sechs Erzählstränge, dadurch dass jeder seine eigene visuelle Umsetzung erfährt. Vom kontrastreichen Schwarz/Weiß der Cate Blanchett Sequenzen bis zu den stumpfen Brauntönen, in die Richard Geres Cowboyfigur gehüllt ist.

Und dann wäre da selbstverständlich noch die Musik. Todd Haynes ist es gelungen sich die Rechte für Dylans Songs zu sichern. Aber auch hier ist nicht alles Dylan, was singt. Der Soundtrack besteht aus einer Mischung aus Originalen und zum Teil neuen Coverversionen, die sich leichtfüßig ineinanderfügen und so dem Kinoerlebnis eine akustische Krone aufsetzten.

Klingt das nach postmodernem Puppentheater am Dylanologen-Kongress in Duluth, Minnesota? Schon ein wenig, aber fürchte dich nicht! Dieser Film wendet sich nicht nur an die Exegeten, die auf Flohmärkten nach Basement-Tapes Originalpressungen stöbern. Denn er orientiert sich zwar stark am roten Faden Bob Dylan und verstrickt diesen in einem kulturgeschichtlichen Gewebe, aber hier geht es um mehr als ums Auseinandernehmen eines Künstlermythos. Denn die einzelnen Charaktere repräsentieren nicht nur die Vielschichtigkeit von Bob Dylans Biographie, sondern zeigen auf exemplarische Weise, dass Identität keine feststehende Sache ist, sich im Zustand ständiger Konstruktion befindet. Der Film erzählt letztendlich in äußerst eindrucksvollen Bildern von der Freiheit sich jeden Tag neu zu erfinden.

I'm Not There. Regie: Todd Haynes ab 29.2 im Kino

-lukas

-- Main.NiciW - 12 Feb 2008
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