„Eastern Promises“

David Cronenbergs aktueller Film „Eastern Promises“ spielt im London des 21. Jahrhunderts im Umfeld einer Abordnung der russischen Mafia. Ein paar Gedanken dazu.

Anna (Naomi Watts) arbeitet als Hebamme in einem Londoner Spital und bringt eines Nachts das Baby von Tatiana zur Welt. Die junge Frau, eine illegale Prostituierte, stirbt bei der Geburt und Anna fühlt sich nun dafür verantwortlich, die Familie des Babys ausfindig zu machen. Mit Hilfe des Tagebuchs der Verstorbenen stößt sie auf den Lokalbesitzer Semyon (Armin Müller-Stahl) und gerät in der Folge in die Kreise von dessen Mafia-Clan.

Kirill (Vincent Cassel) ist Semyons Sohn und ein gewalttätiger Heißsporn. Er veranlasst die Ermordung eines Widersachers aus einem tschetschenischen Gangsterclan, von dem er sich in seiner Ehre verletzt fühlt, was zu einer blutigen Fehde führt.

Als Bindeglied zwischen diesen beiden Handlungssträngen fungiert Nikolai (Viggo Mortensen), der engste Vertraute Kirills. Er kümmert sich darum, dass Leichen verschwinden und dass etwaige Störenfriede wie Anna ferngehalten werden. Nikolai ist eine undurchsichtige Figur, deren Motive stets im Dunklen bleiben und seine überlegene Gelassenheit wirkt beunruhigend und furchteinflößend.

„Eastern Promises“ ist in ein sehr klassisches Thrillergewand gehüllt, aber Cronenberg interessiert sich nicht für eine reißerische Geschichte über die Machenschaften der Russenmafia. Vielmehr geht es darum im Laufe der Handlung die Praktiken und Codes dieser Gesellschaft sichtbar zu machen und auch die Brüche in diesem System aufzuzeigen. Eine wichtige Rolle spielen zum Beispiel die titelgebenden Versprechen in der Welt des organisierten Verbrechens. Da man sich nicht auf herkömmliche juristische Abläufe und Verträge stützen kann, haben solche informellen Abmachungen und der Umgang mit diesen eine besondere Bedeutung. Es ist eine Frage der jeweiligen Machtposition innerhalb der Organisation, ob man mit der Einhaltung gemachter Versprechen rechnen kann bzw. diese im Ernstfall erzwingen kann. Wer gegenüber dem Patriarchen Semyon ein Versprechen bricht, hat mit ernsten Konsequenzen zu rechnen. Andererseits werden die Versprechungen vom besseren Leben, mit denen junge Frauen von der Mafia in den Westen gelockt werden, nicht eingehalten.

Ein besonderes Augenmerk gilt auch den Tätowierungen mit denen etwa Nikolais Körper übersät ist. Diese Zeichnungen sind nicht bloße Verzierungen, sondern erzählen aus dem Leben des Trägers. Sie geben Auskunft über Herkunft, etwaige Gefängnisaufenthalte und die Position innerhalb des Clans.

In zahlreichen, sehr bewußt inszenierten Szenen geht es um die Zerstörung des menschlichen Körpers durch die Einwirkung von physischer Gewalt. Dabei kommen ausschließlich Messer zum Einsatz, was die Nähe von Opfer und Täter und die verheerende Wirkung der Angriffe sehr unmittelbar spürbar macht.

Die famose Besetzung sorgt dafür, dass die einzelnen Figuren authentisch und vielschichtig dargestellt werden. Viggo Mortensen gibt Nikolai mit großer Ruhe und einem manchmal spöttischen Lächeln für die Aufregungen seiner Umwelt. Vincent Cassels Kirill ist hin und her gerissen zwischen den Normen, der ihn umgebenden patriarchalen Struktur und seiner eigenen Gefühlswelt. Naomi Watts als Anna geht beharrlich auf Konfrontation mit den Verbrechern und begibt sich dadurch in große Gefahr, ist aber auch fasziniert und angezogen von dieser Welt. Und Armin Müller-Stahl schließlich kann in einem Augenblick von der freundlichen Zuvorkommenheit des Restaurantbesitzers zur brutalen Rücksichtslosigkeit des Oberhaupts einer Schmuggel- und Frauenhandelsorganisation wechseln.

„Eastern Promises“ ist ab 2. Juni auf DVD zu haben.

-lukas

Lukas Peyker studiert Maschinenbau und mag das Kino.

-- Main.NiciW - 19 May 2008
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