Gender Mainstreaming in der Raumplanung Judith Wittrich

Gender Mainstreaming ist eine aufgrund des Vertrages von Amsterdam (1999) in allen EU-Mitgliedsstaaten verpflichtende und querschnittsorientierte Top-Down-Strategie, die die Chancengleichheit und die Gleichstellung der Geschlechter zum Ziel hat. Im Zuge der Strategie soll eine die Geschlechterverhältnisse betreffende Sichtweise in sämtliche politische Handlungsfelder und Entscheidungsprozesse integriert werden. Der Begriff setzt sich aus der englischen Bezeichnung Gender für das soziale Geschlecht, und Mainstreaming, das sich von Mainstream (Hauptstrom) ableitet, zusammen. Gender bezeichnet die gesellschaftlich geprägten Rollen, Rechte, Pflichten und Interessen von Personen entlang geschlechtlicher Ausdrucksformen. Diese sozialen Unterschiede sind erlernt, können innerhalb und zwischen Kulturen unterschiedlich sein und sind veränderbar. Mainstreaming heißt, dass ein bestimmtes Handeln und Denken in den Mainstream – Hauptstrom – übernommen und zu einem selbstverständlichen Handlungsmuster wird. Der Hauptstrom einer Gesellschaft spiegelt sich in Politik, Verwaltung und Recht wieder. Mainstreaming meint, die bestehende Hauptrichtung zu durchdringen und zu verändern. So soll die Sichtweise, dass Geschlechterrollen sozial konstruiert und wandelbar sind und dass gesellschaftliche Prozesse Frauen und Männer unterschiedlich betreffen, in den Mainstream übernommen werden.
Allerdings sind die Vorgaben bezüglich der Strategie seitens der EU äußerst vage. Genaue Ziel- und Begriffsbestimmungen fehlen. Das heißt, dass die inhaltliche Füllung der politischen Strategie auf untere, umsetzende Ebenen delegiert wird. Die vorhandene Ausgangsbasis der Strategie bilden aufgezeigte Benachteiligungen, Degradierungen und Hierarchisierungen explizit entlang der Kategorie des biologischen Geschlechts (Sex) ohne etwaige Berücksichtigung anderer sozialer Kategorien als mögliche Einflussfaktoren. D.h., dass die Strategie trotz Einführung des Begriffes Gender fest mit der Kategorie des biologischen Geschlechts verankert ist und bloß Symbolwirkung beabsichtigen kann.

Aufgrund der Querschnittsorientierung betrifft die Strategie auch den Raumplanungsbereich. Allerdings findet sie in der planerischen Praxis bisher kaum Anwendung. Auch in der Theorie ist die Strategie im Planungsbereich noch kaum berücksichtigt.

Als Grundlage von Gender Mainstreaming in der Planung dient die feministische Auseinandersetzung mit dem Planungsbereich. Seit den 1970er Jahren wurde die männliche Dominanz sowohl hinsichtlich der Akteurinnen und Akteure, als auch hinsichtlich der Zielgruppe aufgedeckt – sie hat bis heute (noch) Gültigkeit. Zunächst richtete sich die Kritik noch gegen die Aufteilung und Grundrissgestaltung der Wohnung, die auf die Erholung des männlichen Erwerbstätigen ausgerichtet war. Darauf folgte die Ausdifferenzierung feministischer Planungskritik. Es wurden weitere Bereiche wie Wohnungsumfeld, Verkehrsplanung, Freiraumplanung und Thematiken wie Sicherheit und unterschiedliche Mobilitätsanforderungen bearbeitet. Es entwickelten sich verschiedene Planungsansätze, denen unterschiedliche Geschlechterbilder und Zielsetzungen zugrunde liegen: Diese reichen von
  • frauenfreundlicher Planung bei der der Alltag für Frauen, die gemäß der traditionellen Rollenverteilung leben, erleichtert werden soll
  • über frauengerechte Planung, bei der zusätzlich zur Alltagserleichterung alternative Lebenskonzepte von Frauen ermöglicht werden und so auch die Differenzen zwischen Frauen in den Vordergrund gerückt werden sollen sowie
  • feministische Planungsansätze, die bestehende Herrschaftsverhältnisse, Unterdrückungsmechanismen und Diskriminierungen, deren Verankerung in der geltenden Planungspraxis und deren Auswirkungen auf Frauen mitdenken und überwinden wollen
  • bis zum Ansatz des Gender Planning, bei dem die bipolare Einteilung der Zweigeschlechtlichkeit zu Gunsten einer Vielfalt von gesellschaftlichen und gesellschaftsbildenden Kategorien aufgehoben wird.
In der Stadt Wien gibt es seit dem Jahr 2000 Initiativen, Gender Mainstreaming innerhalb der Stadtplanung zu berücksichtigen. Im damaligen Strategieplan für Wien ist Gender Mainstreaming als Querschnittsziel im Planungsbereich enthalten. Durch diese Vorgaben wurde Gender Mainstreaming folglich schon bei der Ausschreibung des Stadtentwicklungsplans und des Verkehrsmasterplans im Jahr 2003 gefordert. Des Weiteren wurde der sechste Wiener Gemeindebezirk Mariahilf zum so genannten Gender Mainstreaming-Pilotbezirk ausgewählt. Alle Abteilungen des Planungs- und Verkehrsressorts haben sich verpflichtet, im Zeitraum 2003 bis 2006 bei allen Planungsmaßnahmen geschlechtsspezifische Auswirkungen darzulegen und im Sinne der Chancengleichheit Abwägungsprozesse durchzuführen.

Die Analyse des Pilotprozesses in Mariahilf hat gezeigt, dass Gender Mainstreaming in der Planung als Instrument gesehen werden kann, um entweder frauenfreundliche, frauengerechte und feministische Planungsansätze oder aber Gender Planning umzusetzen – in Abhängigkeit vom Begriffsverständnis von Gender und der jeweiligen Zielsetzung im Planungsprozess. Jedenfalls werden im Rahmen der Strategie in der Planung unkonventionelle Perspektiven und Zielsetzungen in planerisches Handeln integriert und beteiligte Akteurinnen und Akteure hinsichtlich vielfältiger Lebensrealitäten und den daraus resultierenden unterschiedlichen Ansprüchen an den Raum sensibilisiert. Die Grundlage der Planung bilden die Ansprüche bisher unberücksichtigter oder benachteiligter Gruppen. Das Ergebnis ist eine Alltagsorientierung und somit - erleichterung. Aufgrund der neuen Top-Down-Konzeption kann Gender Mainstreaming unterstützend für KommunalpolitikerInnen wirken, die bisher unkonventionelle Ziele bezüglich Raumplanung verfolgen.
Topic revision: r4 - 29 Mar 2011 - 21:00:04 - Main.UnknownUser
 

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