Paradigmen der Gender Studies im Verlauf ihrer Geschichte
Patricia Zuckerhut

Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die wesentlichen Veränderungen im Zuge der Entwicklung der Gender Studies in den Sozialwissenschaften, mit Schwerpunkt auf die Kultur- und Sozialanthropologie. Es lassen sich grob gesprochen drei Phasen unterscheiden, jene der „Frauenforschung“ in den 1970ern, 1980ern, jene der „Genderforschung“ in den 1980ern, Anfang der 1990er Jahre und eine dritte Phase, in der die Unterschiede zwischen den Frauen aber auch die widersprüchlichen Identitäten und Subjektpositionen von Männern und Frauen ins Blickfeld des Interesses gerieten, seit den 1990er Jahren bis heute.

Die Ursprünge der Gender-Studies stehen in Zusammenhang mit der Neuen Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts und gehen auf die 1960er, 1970er Jahre zurück. Nicht nur neue Formen des Zusammenlebens sollten entwickelt werden, auch eine „neue Wissenschaft“ war gefordert. Dafür war es notwendig die Schwach- und Leerstellen der „alten“ Wissenschaft aufzudecken. Zunächst in den USA, später auch in anderen Weltregionen, wurde der „male bias“ der vorherrschenden theoretischen wie auch empirischen Forschungen in Frage gestellt, ihr innewohnender Androzentrismus aufgedeckt.

In dieser ersten Phase feministischer Aktivitäten lassen sich zwei Grundtendenzen unterscheiden: jene Forscherinnen, die annahmen, dass Männer und Frauen sich grundsätzlich voneinander unterscheiden, und jene, die von einer prinzipiellen Ähnlichkeit der Geschlechter ausgingen, Männer und Frauen aber unterschiedlich sozialisiert würden. War für erstere die geschlechtliche Arbeitsteilung in der Gesellschaft ein logisches Ergebnis der spezifischen Charakteristika des jeweiligen Geschlechts, die unterschiedliche Bewertung der Tätigkeitsbereiche jedoch in Frage zu stellen, so strebten zweitere die Integration der Frauen in die bislang prominent „männlichen“ öffentlichen und sozial höher bewerteten und entlohnten Bereiche und Tätigkeitsfelder an. [Fussnote 1]

In der Kultur- und Sozialanthropologie[Fussnote 2] herrschte die Tendenz vor, Geschlechterdifferenzen als sozial begründet anzunehmen. Während aber eine (stark marxistisch orientierte) Forschungsströmung davon ausging, dass die Hierarchie zwischen Männern und Frauen ein Ergebnis historischer Veränderungsprozesse sei, suchte eine andere (symbolisch-strukturalistisch ausgerichtete) nach gesellschaftlich begründeten Schlüsselkomponenten, die die als universell angenommenen Geschlechterungleichheit erklären könnten. Diese fanden ihre Vertreterinnen in hierarchischen Dichotomien wie Natur und Kultur, privat und öffentlich: Frauen würden aufgrund ihrer Gebärfähigkeit und der damit einhergehenden sozialen Verantwortung für Säuglinge und Kleinkinder in allen Kulturen, zu allen Zeiten als der Natur – die immer und überall der Kultur nachgeordnet und abgewertet sei – näher stehend angesehen. Und sie würden der privaten Sphäre zugeordnet, einer Sphäre, die im gesellschaftlichen Ansehen unter der – dem Mann zugeordneten – öffentlichen stehe.

Noch während der 1980er Jahre begannen Stimmen laut zu werden, die darauf hinwiesen, dass Natur und Kultur, öffentlich und privat, ebenso wie die mit diesen Bereichen verbundenen Assoziationen und Zuschreibungen, von Menschen gemachte Konzepte und als solche in Zeit und Raum variabel seien. Nicht in allen Gesellschaften und Kulturen würde zwischen Natur und Kultur, zwischen öffentlich und privat unterschieden, und selbst in jenen Fällen, in denen es derartige Konzepte gibt, hätten diese u.U. völlig unterschiedliche Inhalte und Bewertungen.

Als eine Folge dieser Kritiken gewann die Auffassung unterschiedlich ausgeprägter und gestalteter Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten an Bedeutung. Um diese interkulturellen und interzeitlichen Differenzen besser in den Griff zu bekommen wurde in der Folge zwischen dem biologischen Sex – als universeller Konstante – und dem sozio-kulturellen Gender – als zeitlich-lokaler Variable – unterschieden. Mit dem Fokus auf Gender ging auch eine Ausrichtung der Forschungen auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, und nicht wie zuvor, ausschließlich auf „die Rolle“ und „den Status“ von Frauen, einher.

Ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, vor allem aber in den 1990ern, fanden die Ansichten und Auffassungen Farbiger und Schwarzer Wissenschafterinnen in den USA zunehmend Gehör. Die bislang aufgestellten Theorien und Konzepte sahen sich nun fundamentaler Kritik ausgesetzt: Sie würden primär die Sicht Weißer Mittelschichtfrauen in Europa und den USA widerspiegeln und hätten nichts mit den Lebensrealitäten Farbiger und Schwarzer Frauen in diesen Ländern wie auch mit denen von Frauen in anderen Weltregionen zu tun. Diese nicht von der Hand zu weisenden Einwände, zusammen mit Kritiken der – sich immer stärker Gehör verschaffenden – VerfechterInnen von Gay and Lesbian Studies führten in der Folge dazu, dass die Unterschiede zwischen den Frauen, die unterschiedlichen Geschlechterverhältnisse nicht nur zwischen Zeiten und Kulturen fokussiert wurden, sondern vor allem auch die innerhalb einer Kultur, innerhalb einer Gesellschaft. Angefangen vom Konzept der additiven (bzw. der multiplen) Unterdrückung, über das der „multiple jeopardy“ („vielfältigen Gefährdung“) bis zum neuerdings im deutschsprachigen Raum wieder verstärkt ins Blickfeld geratenen Konzept der Intersektionalität[Fussnote 3] wurden eine Reihe von Theorien entwickelt um innergesellschaftlichen Differenzierungen Rechnung zu tragen. Als besonders fruchtbar und vielversprechend erwiesen sich hier Überlegungen der gegenseitigen Konstituierung und relativen Bedeutung von „race“, Klasse, Geschlecht und anderen „Markierungen der Differenz“, d.h. je nach Kontext, je nach Situation und/oder Position eines Individuums hat einmal „race“, ein andermal Klasse und/oder Geschlecht größere Relevanz und Gewichtung.

In der Folge erweist sich auch die lange Zeit in Europa und den USA vorherrschende Idee eines einheitlichen Subjekts mit einer einheitlichen und fixierten Identität von Personen als brüchig. Ausgehend von postkolonialen Überlegungen der Unmöglichkeit eines „authentischen“ und essentiellen (post)kolonialen Subjekts (mit eindeutigen kulturellen, nationalen, ethnischen Wurzeln) werden Konzepte der Hybridität, der „Bindestrichidentitäten“, der „In-Betweenness“, der widersprüchlichen und multiplen Subjektpositionen entwickelt. [Fussnote 4]

Damit einher geht auch eine Dezentralisierung von Geschlecht, eine Tatsache, die sich vor allem für die Frage globalen politischen Handelns als problematisch erwies. Galt „Frausein“ und eine gemeinsame Unterdrückungserfahrung jahrzehntelang als Grundlage der weltweiten Frauenbewegung und einer „globalen Schwesternschaft“, so musste nun das universelle Konzept „Frau“ fallengelassen und auch Unterdrückungserfahrungen als vielfältig und nicht notwendigerweise in erster Linie am Gender orientiert anerkannt werden. Verschärft wurde diese „Krise des Feminismus“ weiters durch die Tatsache, dass auch das als unveränderlich angenommene Sex ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Nicht immer und überall gelten biologische Differenzierungen als Grundlage für geschlechtliche Zuordnungen, und auch im Falle des Rückgriffs auf biologische Merkmale gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, welche dieser Markierungen herausgegriffen werden. U.a. wies die amerikanische Soziologin Judith Lorber[Fussnote 5] darauf hin, dass auch in den modernen „westlichen“ Naturwissenschaften die Merkmale des Sex zumindest umstritten sind, dass es eine Reihe von Faktoren gibt, die für die Bestimmung des Sex herangezogen werden, wie beispielsweise innere und äußere Geschlechtsorgane, Chromosomen, Hormone u.ä. Aus der Kombination dieser Merkmale resultiert nun eine Bandbreite von Sexes mit „rein männlich“ am einen, und „rein weiblich“ am anderen Pol.

Gender Studies heute zeichnen sich durch eine Vielzahl von Themen und Zugangsweisen aus. Angefangen von „klassischen“ Studien zur Rolle von Frauen in bestimmten Gesellschaften, Regionen oder Kulturen, über solche, die auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern abzielen und beispielsweise die Rolle staatlicher Förderprogramme in Hinblick auf ihre mögliche Egalisierung untersuchen, bis zu Forschungen, die gezielt die wechselseitigen Abhängigkeiten, Überschneidungen und Durchkreuzungen von gesellschaftlichen Differenzierungskategorien wie Klasse, „race“, Geschlecht, aber auch Nationalität und Ethnizität ins Blickfeld des Interesses rücken sind alle eingangs dargestellten Forschungsansätze vertreten. Wesentlich ist, dass in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts kein Thema per se „ungeschlechtlich“, nicht „rassialisiert“ oder ethnisiert ist und dass diese „Vergeschlechtlichung“, „Rassialisierung“, „Klassisierung“ und Ethnisierung immer mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Machtverhältnissen einhergeht, die es aufzudecken und herauszuarbeiten gilt.

[1: Bendl, Regine, Andrea Leitner, Ursula Rosenbichler und Christa Walenta. 2007. Geschlechtertheoretische Perspektiven und Gender Mainstreaming. In: Bendl, Regina et al. (Hrsg.). Qualitätsentwicklung Gender Mainstreaming. Publikationsreiche der EQUAL Entwicklungspartnerschaft QW-GM. Band 2 – Grundlagen, Wien, pp. 33-62.]

[2: Zu den Entwicklungen in der Kultur- und Sozialanthropologie vgl. Habinger, Gabriele und Patricia Zuckerhut. 2005. „Frau-Gender-Differenz. Gender Studies in der Kultur- und Sozialanthropologie,“ In: Bidwell-Steiner, Marlen und Karin S. Wozonig (Hg.). Die Kategorie Geschlecht im Streit der Disziplinen. Gendered Subjects. Referat Genderforschung der Universität Wien. Innsbruck: StudienVerlag, pp. 62-89.]

[3: Vgl. Klinger, Cornelia/Knapp, Gudrun-Axeli/Sauer, Birgit (Hg.). 2007. Achsen der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Frankfurt a.M./New York: Campus; sowie Walgenbach, Katharina et al. 2007. Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich.]

[4: Vgl. Trinh, T. Minh-ha. 1996. Über unzulässige Grenzen: die Politik der Identität und Differenz. In: Fuchs, Brigitte/Habinger, Gabriele (eds.). Rassismen & Feminismen Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen Wien, 148-160; sowie Moore, Henrietta L. 1994. A Passion for Difference. Essays in Anthropology and Gender. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press.]

[5: Lorber, Judith. 1994. Paradoxes of Gender. New Haven and London: Yale University Press.]
Topic revision: r5 - 29 Mar 2011 - 21:00:06 - Main.UnknownUser
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzender: Lukas BÜRSTMAYR)
Wiedner Hauptstraße 8-10
1040 Wien
T: +43-1-58801-49501
F: +43-1-58691-54
sekretariat@htu.at