Der TU-Passierschein A38

Ein Leserbrief und eine Bestandsaufnahme zu einem Haus, das manchmal Verrückte macht.

Im Innenhof des TU Hauptgebäudes schwitzen zwei Männer mit seltsam anmutenden Geräten vor den Baustellenabsperrungen. Sie bekämpfen herumliegendes Laub, indem sie es mit einer Art Druck-luftreiniger durch den handbreiten Spalt unterhalb der futuristischen TU University 2015-Plakate hindurchblasen. Doch der unberechen-bare Wind treibt die Blätter unermüdlich unter und über die Absper-rung auf den Weg zurück, die schwere Arbeit verhöhnend. Dies war eines meiner farbenfrohsten Herbsterlebnisse und eine tra-gische, gleichwohl äußerst treffende Metapher auf Teile der TU, so wie ich sie erlebe.

Szenenwechsel: ich benötige zum Ausüben meiner Tutorentätigkeit Zugang zu einem Seminarraum. Die Übung findet leider außerhalb der Öffnungszeiten des Sekretariats des „Instituts meines Vertrau-ens“ (IMV)* statt, was einen Schlüssel notwendig macht. Beim Be-treten des Sekretariats mit eben dieser Absicht meinte ich kalten Ge-genwind zu verspüren.

Vom gelben Formular

Wie ich mir das vorstelle, fragte mich Frau Gelb* mit versteinerter Miene und erzürnte, als ich diese Frage nicht rhetorisch verstand: ein Schlüssel würde prinzipiell so nicht weitergegeben. Ich solle doch freundlicherweise am nächsten Tag wiederkommen, dann würde mir geöffnet. Ich verließ einigermaßen verwirrt das Zimmer, hatten doch einige Tutoren bereits solche Schlüssel vom IMV erhalten, manch ein Kollege prahlte sogar mit seiner Sammlung.

Mir gelang es tags darauf, der äußerst netten Frau Schwarz* einen Generalschlüssel gegen Kaution und das Versprechen baldiger Rückgabe zu entlocken. Dieses wollte ich am folgenden Dienstag einlösen: die nicht eingeweihte Frau Gelb verwies mich an Frau Schwarz, die erst mittwochs wieder da wäre und machte mich darauf aufmerksam, dass Frau Schwarz ihre Kompetenzen überschritten hätte**.

Am Mittwoch gab ich den Generalschlüssel bei Frau Schwarz ab und erbat einen Schlüssel für den Seminarraum. Frau Braun*, die anfangs davon überzeugt war, dass dies unmöglich sei, überreichte mir nach einiger Diskussion einen Schlüssel gegen Kaution. Fürs Tutorium erwies sich der Schlüssel kurz darauf als nutzlos, da er die Türe zum Seminarraum nicht sperrte.

So pilgerte ich Dienstags darauf mit meiner Sperrvorrichtung zu Frau Gelb, die mich nach Rückgabe meines Geldes und kurzer Unterre-dung mit Frau Braun auf das zweite Sekretariat schickte, da – wie war ich auch bloß auf die Idee gekommen – sie keinen Schlüssel für betreffenden Seminarraum hätte. Frau Weiß* vom anderen Zweig des IMV gab mir nun den richtigen Schlüssel mit dem Hinweis, ich möge die Kaution bitte erneut bei Frau Gelb hinterlegen***.

Meine gequälte Seele ward kurz darauf von Gernot* getröstet, dem ich meine Odyssee klagte. Er versicherte mir, dass bis 2015 elektro-nische Zugangskontrollen in alle TU Räumlichkeiten einziehen sollen, die auch Studierenden den Zutritt zu Seminarräumen und Hörsälen gewähren werden.

Sand der Zeit im Getriebe

Das Ziel meiner Darstellung ist nicht, die Mitarbeiter des IMV Sek-retariats lächerlich zu machen. Ich extrapoliere diesen Gang nach Canossa vielmehr auf die, wie ich meine, vielfältigen strukturellen Schwächen innerhalb der TU.

So gibt es ein Institut, dass über sechs Sekretariate verfügt, die es der Transparenz halber mit A1 bis A6 durchnummeriert, wobei kaum die Zuständigkeiten ersichtlich sind. Gewürzt wird das Ganze dann noch durch die Tatsache, dass jedes dieser Sekretariate vier bis sechs Stunden pro Woche geöffnet hat und diese Öffnungszeiten sich nicht überlappen und auch von Google unauffindbar bleiben.

So gibt es noch immer Institute auf der TU, die keine Prüfungsan-meldung über das Informationssystem TUWIS++ anbieten. So wird das E-Learning-System TUWEL noch immer nicht angenommen, sei dies nun auf strukturellen Schwächen oder Abwehrhaltung der Vor-tragenden zurückzuführen.

Einmal wurde ich beim ZID vorstellig, weil ich für meine Seminar-arbeit umgehend ein Service brauchte. Ein Mitarbeiter war sehr ver-ständnisvoll und fütterte das System sogleich mit einem dringend anmutenden trouble ticket an den zuständigen Kollegen. Ein Drei-vierteljahr (Ehrenwort!) später bekam ich dann die Antwort: „wird vmtl. bei der Umstellung der Server erledigt. – G.*“. Ich hatte meine Seminararbeit seit 3 Monaten fertiggestellt, auf einem eigenen Server.

Viele Abläufe in der TU sind unflexibel, weil sie überbürokratisiert sind. Sie sind verkrustet, weil sie völlig veraltet sind. Sie sind redun-dant, weil sie unreflektiert sind. Es reicht nicht, die Probleme unter den Teppich einer fernen Zukunft zu kehren. Es reicht nicht, den Besen durch einen Hochdruckreiniger zu ersetzen um sinnlose Tätig-keiten effizienter auszuführen. Wir sollten das Laub lieber einsaugen, als es wegzublasen. Und zwar jetzt.

Markus ist Student der Technischen Physik

Anmerkungen:

* Namen geändert, da es hier nicht um die Anschwärzung von Ein-zelpersonen geht.
** Liebe Frau S., falls Sie dies lesen: ich hoffe, Frau G. hegt wegen diesem Vorfall nun keinen Groll gegen Sie. Wenn dem doch so ist, möchte ich Sie hiermit vielmals um Entschuldigung bitten!
*** Der Vollständigkeit halber möchte ich anmerken, dass ich Frau W. noch ein weiteres (achtes) Mal besucht habe: allerdings deshalb, weil mich der Schließmechanismus der Tür intellektuell überforderte.

-- Main.JasminMueller - 26 Nov 2008
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:02 - Main.UnknownUser
 

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