Gender und Exzellenz Brigitte Ratzer

Glaube Wir glauben, dass wissenschaftliche Behauptungen universell sind – dass sie unabhängig von individuellen oder sozialen Merkmalen (Rasse, Geschlecht, Religion, Nationalität) zur Kenntnis genommen werden können und überall gleichermaßen zu gelten haben. Wir glauben daran, dass Wissenschafter und Wissenschafterinnen in ihrem beruflichen Arbeiten uneigennützig sind, am allgemeinen Fortschritt der Wissenschaft interessiert und nicht nur an der eigenen Karriere. Wir glauben, dass ein freier Wettbewerb des wissenschaftlichen Nachwuchses uns am Ende die besten Köpfe beschert. Und wir glauben, dass nur Peers (= andere Wissenschafter und Wissenschafterinnen) über Exzellenz (objektiv) entscheiden können.

Realität Trotz scheinbarer Öffnung der Universitäten scheint diesen die Vielfalt eher fremd. Und das, obwohl nachweislich innovatives Potential zu erwarten wäre, wenn sehr unterschiedliche Menschen – gut moderiert – über eine Fragestellung nachdenken. Am Beispiel der Beteiligung von Frauen in den Wissenschaften lässt sich das Problem schnell zeigen - aus Platzgründen beschränkt auf das Beispiel der TU Wien. Wir haben etwa 25% Frauenanteil bei den Studierenden (diese Frauen allerdings ungleich zwischen den Fächern verteilt, sodass im klassischen Ingenieursbereich durchschnittlich gerade mal 10% der Erstsemestrigen Frauen sind). Bei den AbsolventInnen verringert sich der Anteil der Frauen bereits auf rund 21% (klassischer Ingenieursbereich: 2-4%) und bei den Doktoratsabschlüssen ca. 17%. Am Ende dieser „Leaky Pipeline“, aus der bei jeder Qualifikationsstufe Frauen auf unerklärliche Weise verschwinden, finden sich gerade einmal 5% Professorinnen. Akademisches Frauensterben also.

Die beliebtesten, immer wiederkehrenden Erklärungen dafür können wir an dieser Stelle gleich abhaken: nein, die Frauen verschwinden nicht, weil sie alle Kinder kriegen (und umgekehrt sind sogar welche noch da, obwohl sie Kinder haben) und nein, das Problem wird sich nicht im Laufe der Zeit lösen, wenn die von uns ausgebildeten Ingenieurinnen in die Professuren nachrücken. Das haben wir schon probiert und können als Resümee festhalten: Warten wir ab, geschieht nicht nur sehr langsam was, es geschieht gar nichts. Es geht, mit anderen Worten, um Diskriminierung in einem umfassenderen Sinn als der bloßen (auch nicht gelösten) Vereinbarkeitsfrage oder dem Mangel an geeigneten, qualifizierten Bewerberinnen für Professuren.

Die schon erwähnte „Leaky Pipeline“ leidet unter Vorurteilen. Was tun wir genau und konkret dafür, talentierte Frauen zur wissenschaftlichen Arbeit von der Studienwahl über das Studium bis zur Promotion und den Post-doc-Positionen zu fördern und vor allem: was tun wir dagegen, dass sie weniger gefördert werden als Männer? Was tun wir dagegen, dass bei Beurteilungen geschlechtsbezogene Differenzen auftauchen? Was tun wir dagegen, dass in Evaluationsprozessen (etwa beim Peer Review für Publikationen in Journals oder bei der Vergabe von Forschungsgeldern) ein geschlechtsbezogener Unterschied nachweisbar ist? Für all diese Behauptungen gibt es inzwischen zahlreiche Untersuchungen, Publikationen, Daten und Fakten, publiziert nicht nur in einschlägigen Journalen, sondern auch in Science und Nature, in Berichten der Europäischen Kommission. [siehe Literaturhinweise unten; Anm. d. Red.]

Fühlt sich nicht gut an, oder? Und: ruft Reflexe hervor. Beispielsweise den, dass bestimmt jetzt jede Leserin und jeder Leser sofort ein Beispiel parat hat von einer jungen, begabten Frau die sich aber bedauerlicherweise doch für eine Familie und gegen eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden hat. Aus mir bisher nicht bekannten Gründen lässt sich in diesem Themenfeld wie kaum sonst wo beobachten, dass ausgewählte anekdotische Erfahrungen dazu benutzt werden, Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zu ignorieren. Der innere Widerstand gegenüber dem Befund der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern und gegenüber dem Befund von Vorurteilen ist ziemlich stark (aber wer lässt sich schon gerne persönlich sagen, dass er Männer und Frauen ungleich behandelt – ich ja auch nicht).

Perspektiven Jetzt aber: warum überhaupt soll es Gleichstellung in der Wissenschaft geben, eine gleiche Beteiligung von Männern und Frauen bei Studierenden, Mittelbau und ProfessorInnen? Dafür werden meist drei Gründe genannt:
  • Gleichberechtigung, Chancengleichheit: Frauen sollen mitspielen dürfen im lustigen Technikspiel (denn Spaß machen kann das allemal) und sollen auch partizipieren an der Entwicklung von neuen Technologien. Gerechtigkeit eben.
  • Ökonomie: wir brauchen die Frauen schlicht, weil es zu wenige ausgebildete TechnikerInnen gibt, weil man in der technologischen Forschung – und damit dem derzeitigen Hot Spot des internationalen ökonomischen Wettbewerbes - Personalmangel kommen sieht. Das ist zwar uncharmant, weil es ganz nach stiller Reservearmee klingt (die man(n) auch wieder nach Hause schicken kann, wenn die Lage sich entspannt…), aber wenigstens eine solide Motivation.
  • Qualität: Forschung ohne Reflexion auf Gender ist defizitär. Das entscheidende Argument für die Gleichstellung in der Wissenschaft zielt darauf ab, sich von der Illusion zu befreien, dass wir bereits die beste, objektivste aller Wissenschaften machen. Der Glaube an die objektive Neutralität von Wissenschaft, an das Qualitätskriterium als entscheidend für Aufstieg und Karrieren, ist für die Wissenschaften ganz zentral. Wer das in Frage stellt, trifft den Kern der wissenschaftlichen Identität. Wer das aber nicht in Frage stellt, verhindert Innovation und Exzellenz. Am Beispiel der Ingenieurwissenschaften hat sich gezeigt, dass u.a. Märkte verfehlt werden, wenn systematisch ausgeblendet wird, dass für Frauen und Männer sehr unterschiedliche, statistisch auch nicht ganz einfach zu erfassende Lebenssituationen reflektiert werden müssen. Menschen nutzen und benötigen Technik unterschiedlich.

Eine Gleichstellungsoffensive ist – und muss es vermutlich auch sein, um erfolgreich zu sein – eine Qualitätsoffensive. Das beinhaltet den Vorwurf, dass Qualität derzeit fehlt – und so ist es ein Stück weit auch. Wir machen gute Technik und Naturwissenschaft, das schon. Aber wir tun bei weitem nicht das Beste, das wir könnten. Das sollten wir ändern – sofort.

Literatur:

Etzkowitz Henry et al. (1994): The Paradox of Critical Mass for Women in Science. In: Science, Vol. 266, p.51-54

Gender and Excellence in the making. European Commission, Brussels, 2004,
http://ec.europa.eu/research/science-society/pdf/bias_brochure_final_en.pdf

Henneberg, Maciej. (1997) ‘Peer review: the Holy Office of modern science’, Natural Science, Article 2.
http://naturalscience.com/ns/articles/01-02/ns_mh.html

Schacherl, I., Schaffer, N., Dinges, M., Polt, W.: Gender und Exzellenz: Explorative Studie zur Exzellenzmessung und Leistungsbeurteilung im Wissenschaftssystem, InTeReg Research Report Nr. 66-2007
http://www.joanneum.at/uploads/tx_publicationlibrary/rr66_gender_Exzellenz.pdf

Wenneras Christine, World Agnes (1997): „Nepotism and sexism in peer-review.“ Nature 387, S. 341-343.

+ Diagramm: Frauenanteil unter Bakk, Mag, DI Inskribierten WS 07/08
+ Diagramm: Frauenanteil in Doktoratsstudien WS 07/08
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:03 - Main.UnknownUser
 

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