High Potential Considered Harmful

So ist das mit Verkehrsdrehscheiben: Man steigt in das TU-Elitenprogramm The TOP ein und macht es sich in der ersten Klasse bequem. Man vernetzt sich ein paar Stationen lang mit dem „Business“ und sitzt schwupps-di-wupps im mittleren ÖBB-Management. Eine nie gehaltene Rede.

Bekannte von mir schwärmen immer von Stefan. Der Stefan, das sei ein wirklich toller Kerl, sagen sie. Der ist da nämlich bei so einem Hochbegabtenprogramm seiner Universität dabei, wo er mit den Professoren und Wirtschaftsgrößen auf Du und Du ist.

Stefan ist ein so genannter „high potential“ (sic!). Das sind etwa 1% der Studierenden, die sich durch ihre Studienleistung besonders auszeichnen. Und alle wollen sie haben: Die Universität Wien lädt zum Talent Circle, die TU versammelt The TOP, und das Centre of Excellence beheimatet die Besten der WU. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Jeder dieser Zirkel stellt eine Kooperation von Universität und Wirtschaft dar und dient in erster Linie der Vernetzung. Teilnehmende Unternehmen bekommen ohne großen Aufwand eine vorselektierte Elite serviert. Sie können sich von ihren zukünftigen Führungskräften persönlich ein Bild machen. Die Universität kann sich die Förderung hochtalentierter Personen auf die Fahnen schreiben. Und Stefan, der lernt dabei weitere exzellente Studierende, Professoren und mögliche Arbeitgeber persönlich kennen. Er lernt in Seminaren, sich im Business zu bewegen und fühlt sich dank Persönlichkeits- und NLP-Bildung gut. Eine Triple-win-Situation für die Beteiligten sozusagen, was vermutlich auch der Grund dafür ist, warum diese Programme wie Pilze aus dem Boden schießen. Da werden Sie geholfen.

Jene 99%, die nicht unter Hochspannung stehen, haben es da freilich nicht ganz so gut. Ihnen bleibt der Zugang zu jenen Stellen, die zweifelsohne über diese Programme rekrutiert werden, verschlossen. Mit der steigenden Anzahl an Sponsoren, Verzeihung, Partnerunternehmen, werden das immer mehr. Den Nicht-Stefans bleiben immerhin noch die Firmeninformationstage, die allsemesterlich gutes Geld an die Karrierezentren der Universitäten anschwemmen.

„Wir sind halt nur die Besten“, könnte Stefan einwenden. Diese Besten werden von der Universität nach Notendurchschnitt und universitärem Engagement vorselektiert. Doch ist ein Notendurchschnitt für die Qualifikation ein Indikator? Beinahe alle wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema resümieren, dass Noten für so ziemlich gar nichts ein Indikator sind. Universitäres Engagement etwa? Ich muss mich an keiner Universität engagieren, um mich in der Wirtschaft bewähren zu können – meine Erfahrung lehrt eher das Gegenteil: wer sich von einem Tutorengehalt motivieren lässt, tickt eher nicht im Takt von Gehaltserhöhungen und Bonuszahlungen.

„Linkes Geschwätz“, könnte man mir vorwerfen, „auch in der Wirtschaft wird nach ähnlichen Kriterien selektiert“. Ja, aber warum übernimmt die Universität diese Arbeit? Ich kritisiere nicht den Selektionsprozess, sondern dass gerade eine Universität ihn durchführt, die es gar nicht müsste. Und ich stoße mich nicht an dem Angebot an sich, sondern dass eine öffentliche Bildungseinrichtung es auf so einen kleinen Personenkreis einschränkt.

Und ich unterstelle: diese Einschränkung liegt im Sinn des Programms, denn Zweck und Antrieb von high potential Programmen sind Unternehmen. Die Wirtschaft stellt das Geld zur Verfügung, und sie bekommt dafür genau, was sie will: „the TOP“ auf dem Silbertablett.

Also nehme ich nun mein TU-Career-Center-Glas Sekt, erhebe mich, und stoße mit Stefan an: auf eine Universität, wie die Wirtschaft sie will. Das Buffet ist eröffnet.
Markus studiert Physik und wurde zum Programm „TU theTOP“ eingeladen (nicht dass jemand meint, es wär der Neid).

Anmerkungen:
  • Alle Namen wurden geändert.
  • „High potential“-Programme an österreichischen Universitäten sind tatsächlich meist wenige Jahre jung. Das Centre of Excellence (CoE) an der WU bildet eine Ausnahme, dieses Programm existiert bereits seit 1986.

-- Main.MarkusW - 08 Dec 2009
Topic revision: r4 - 29 Mar 2011 - 21:00:04 - Main.UnknownUser
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzender: Lukas BÜRSTMAYR)
Wiedner Hauptstraße 8-10
1040 Wien
T: +43-1-58801-49501
F: +43-1-58691-54
sekretariat@htu.at