Splitting und geschlechtergerechte Sprache

Autor: Edgar Holleis

Vorweg: Splitting – also die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache – ist nur ein kleiner Teil der Gender-Problematik. Allerdings wird die Debatte Pro und Kontra Splitting mit besonderer Vehemenz und Härte geführt und Argumente prallen besonders unversöhnlich aufeinander. Das ist an sich nicht verwunderlich, denn schließlich geht es doch um unsere Sprache. Ich möchte im folgenden Beitrag versuchen die Argumente der Pro-Seite prägnant zu formulieren.

Die Ausgangsbasis, hoffentlich unwidersprochen:
  • Unsere heutige Sprache ist das Resultat einer Jahrtausende alten Kulturgeschichte.
  • Die dominierende Gesellschaftsordnung unserer Vorfahren war das Patriarchat.
  • Überbleibsel der patriarchalischen Zeit sind in unserer heutigen Sprache evident: „herrlich“ vs. „dämlich“, „Staatsmann“ vs. „Putzfrau“, etc.

Die Kontroverse beginnt bei der Frage, inwieweit diese alte, patriarchalische Sprache Einfluss auf das Denken von heute hat. Die Kontra-Seite argumentiert, dass wir uns alle dieser Problematik ja bewusst wären und dass dieses Bewusstsein reichen würde etwaige Effekte der Sprache auf den Alltag zu kompensieren. Aber der gute Wille allein ist nicht ausreichend, und es gibt Belege dafür.

Ein paar Begriffe: Im Deutschen ist das Weibliche die Ausnahme, das Männliche die Regel. Das Wort „Studenten“, eine grammatikalisch männliche Form, bezeichnet entweder eine Gruppe männlicher Studierender oder eine Gruppe Studierender beiderlei Geschlechtes. Letztere Verwendung des Wortes nennt man generisches Maskulinum. Alternativen zum generischen Maskulinum sind neutrale Formulierung „Studierende“, Beidnennung „Studentinnen und Studenten“ und das so genannte Binnen‑I „StudentInnen“,bzw. Schrägstriche „Student/in“.

Wir dringen nun zum Kern des Problems vor: Funktioniert das generische Maskulinum? Ist es Menschen möglich im Alltag trotz der Verwendung der grammatikalisch männlichen Form in gleichem Ausmaß an Frauen zu denken? Wissenschaftlich formuliert: Sind Genus (grammatikalisches Geschlecht) und Sexus (das biologische Geschlecht) unabhängige Qualitäten oder beeinflusst das grammatikalische Geschlecht die mentale Repräsentation von Frauen und Männern?

Eine oftmals zitierte Arbeit zu diesem Thema stammt von Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny:„Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen“ [STA01D]. Das Ergebnis ihrer Forschung ist, dass das generische Maskulinum zu einer mentalen Unterrepräsentation von Frauen führt. Menschen ist es also nur eingeschränkt möglich, angesichts der Verwendung der männlichen Form, gleichzeitig an Frauen zu denken.

Von vier durchgeführten Experimenten, die alle das Ergebnis unterstützen, möchte ich exemplarisch auf eines näher eingehen [STA01E]: 50 Frauen und 46 Männer (zwischen 17 und 58 Jahren) glaubten an einer Befragung teil zu nehmen, die angeblich Unterschiede in den Ansichten zwischen Studierenden und Nicht-Studierenden erkunden sollte. Nach zehn Einstiegsfragen (etwa „Was ist für Sie das größte Unglück?“) folgten sechs signifikante Fragen über den liebsten Helden aus einem Roman, dem wirklichen Leben und der Geschichte, sowie dem Lieblingsmaler, -musiker und -sportler. Den Fragebogen gab es in drei Versionen: generisches Maskulinum („Romanheld“), neutrale Formulierung („heldenhafte Romanfigur“), sowie Beidnennung („Romanheldin oder Romanheld“). Ausgewertet wurde die Summe der Nennungen von Frauen in den sechs signifikanten Fragen. Ergebnisse:
  • Kein siginifikanter Unterschied zwischen neutraler Formulierung und Beidnennung.

  Generisches Maskulinum Neutrale Formulierung Beidnennung
Anteil der Frauen an allen Nennungen 11% 28 % 28 %

  • Weibliche Befragte nennen zwar insgesamt mehr Frauen als männliche Befragte, der Effekt ist aber bei männlichen wie weiblichen Befragten im gleichen Ausmaß vorhanden.

In dieser konkreten Versuchsanordnung fallen den Befragten bei geschlechtsneutraler Formulierung 17% mehr Frauen ein, als bei Verwendung des generischen Maskulinums. Angesichts dieser Zahlen ist das generische Maskulinum nicht haltbar. Die Verwendung des generischen Maskulinums führt zu einer systematischen Unterrepräsentation von Frauen.

Die anderen Experimente kommen zu durchwegs dem selben Ergebnis. Ein weiteres z.B. weist den selben Effekt in etwas geringerem Ausmaß bei Mehrfachnennungen nach („Nennen sie ihre 3 Lieblingssportler“). Noch ein weiteres Experiment misst die Zeit, in der Versuchspersonen kleine Aufgaben lösen, bei denen sie Bilder Gruppen zuordnen: z.B. das Bild eines männlichen Sportlers zur Gruppe „Sportlerinnen und Sportler“. Die Reaktionszeit ist ein indirektes Maß für die verrichtete Denkarbeit. Das Experiment zeigt unter anderem, dass Versuchspersonen mit einer positiven Einstellung zu geschlechtergerechten Sprache relativ mehr Zeit für die Verarbeitung des generischen Maskulinums benötigen als Personen mit negativer Einstellung. Das lässt vermuten, dass letztere Gruppe beim generischen Maskulinum überwiegend an Männer denkt, weil sie sich mangels Sensibilisierung nicht die Zeit nehmen von der männlichen Form auf die mentalen Repräsentationen beider Geschlechter zu schließen, und das entgegen anders lautender Beteuerungen.

Aber was macht die Frage nach der mentalen Repräsentation so wichtig? Um das zu beantworten unternehmen wir einen kurzen Abstecher in die Philosophie: Ausgangspunkt ist der Konstruktivismus. Ihm zu folge setzen Menschen ihre Handlungen nicht aufgrund einer objektiven Wirklichkeit, sondern aufgrund einer wahrgenommenen, konstruierten, individuellen Realität. Wenn wir einen Gegenstand sehen, sehen wir ihn ja nicht als solches, sondern unsere Augen empfangen optische Reize. Diese werden mit Bedeutung belegt und in unsere interne Realität eingebaut. Innerhalb der Grenzen dieser verinnerlichten, konstruierten Realität spielt sich das Denken, die Vernunft ab. Und Wörter sind die Bausteine der Vernunft.

Und darum beharren Leute, die für geschlechtergerechte Sprache eintreten, so vehement auf einer Reform der Sprache. Denn die Unterrepräsentation von Frauen in der Sprache führt zu einer Unterrepräsentation von Frauen im Handeln. Wir können gar nicht anders. Wenn wir den weiblichen Teil nicht aussprechen, denken wir nicht daran und handeln so als ob es ihn nicht gäbe. Dazu gibt es Untersuchungen im Bezug auf den Arbeitsmarkt, die Werbung, das Verhalten von Geschworenen in Gerichtsverfahren und – besonders wichtig – der Kindererziehung und Berufswahl.

Denn so ziehen wir Kinder heran und lehren sie, dass „Professoren“ männlich und „Sekretärinnen“ weiblich sind. Und eigentlich wollen wir das überhaupt nicht, denn es ist ja überprüfbarer Weise falsch, oder zumindest unvollständig. Aber mittels der alten, patriarchalischen Sprache können wir nicht anders als unseren Kindern eine patriarchalische Realität zu konstruieren, die später Grundlage ihrer Lebensplanung wird. So bestärkt die bestehende Sprachordnung die bestehende Gesellschaftsordnung.

Da sprachliche Veränderung und gesellschaftliche Dynamik einher gehen, kann die Sprache einer geschlechtergerechten Gesellschaft nicht anders als geschlechtergerecht sein. Ich bin zuversichtlich, dass uns mit der Zeit die zugegebener Maßen etwas hölzernen Ausdrucksformen der geschlechtergerechten Sprache ganz normal vorkommen werden. Vielleicht werden auch neue Formen erfunden werden.

Zuletzt ein Appell: Alle die die Forderung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ für eine gute Sache halten, sollten auch für eine geschlechtergerechte Sprache eintreten, denn im Kern sind es zwei Aspekte ein und derselben Sache.

Literaturverzeichnis
[STA01D] Stahlberg, Dagmar; Sczensy, Sabine. Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, Nummer 52, Seite(n) 131-140. Hogrefe-Verlag, Göttingen, Deutschland. 2001
[STA01E] Stahlberg, Dagmar; Sczensy, Sabine; Braun, Frederike. Name Your Favorite Musician - Effects of Masculine Generics and of their Alternatives in German. Journal of Language and Social Psychology, Nummer 20, Seite(n) 464-469. SAGE Publications USA, Thousand Oaks, California, USA. 2001

Die Artikel liegen in den Räumlichkeiten der HTU auf und können auf Wunsch eingesehen werden.
Topic revision: r2 - 29 Mar 2011 - 21:00:06 - Main.UnknownUser
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzender: Lukas BÜRSTMAYR)
Wiedner Hauptstraße 8-10
1040 Wien
T: +43-1-58801-49501
F: +43-1-58691-54
sekretariat@htu.at