Re: Gender, Splitting und der ganze Rest [Fussnote 1]

Hallo Stefan,

Mit Deinem Artikel hast Du doch ein heikles Thema aufgegriffen. Viele Menschen haben sich mit den Thematiken Feminismus und Genderforschung befasst. So auch ich. Mir sind diese Themen wichtig. Beim lesen Deines Textes habe ich das Gefühl bekommen, dass Du dich mit den Themen nicht auseinander gesetzt hast. Dein Text erscheint mir doch ziemlich „kurz gedacht“ und von Angst gegenüber einer intensiven Beschäftigung mit dem Thematiken.

Was mir bei Deinem Text massiv auffällt ist. Dass Du die Themen Feminismus und Genderforschung gleichsetzt. Diese haben sicherlich einige Überschneidungspunkte, sind aber nicht so deckungsgleich, wie Du sie darstellst. Auch gibt es keine Feminismusbewegung, wie Du sie umreißt. Es gibt keinen Kreis von Menschen, die sich alle auf ein Schriftstück berufen, in dem die Ziele und Methoden des Feminismus aufgeschrieben sind. Im Feminismus gibt es verschiedene Strömungen, die sich teilweise massiv unterscheiden in der Herangehensweise an die Thematik, in der konkreten Zielsetzung, den gebrauchten Mittel oder der Radikalität beim Einsatz selbiger. Einen ganz kurzen Einblick dazu kann z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Feminismus geben.

Konkret zu Deinem Artikel möchte ich auch ein paar Anmerkungen aufschreiben:

Die von verschiedenen Menschen gewollte und geforderte Veränderung der Sprache macht sich keinesfalls im „Deckmantel der ... Gleichstellung ... breit“. Vielmehr ist eine Veränderung der Sprache ein essenzieller Teil der Forderung vieler Menschen, die sich mit Feminismus beschäftigen, der genau so öffentlich gefordert wird wie „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Als „Allheilmittel“ für die Gleichstellungsproblematiken habe ich noch keinen Menschen die Sprachveränderung aufführen gehört noch habe ich dies irgendwo gelesen.
Meiner Meinung nach ist es notwendig die Sprache zu verändern, da nicht nur die Gesellschaft die Sprache verändert, sondern auch die Sprache die Gesellschaft verändert. Es hat den Studentinnen einen Eintritt in das Bewusstsein der Menschen gebracht, dass nicht nur noch von Studenten die Rede ist, sondern von StudentInnen oder Studentinnen und Studenten. Bei der Bezeichnung Studenten ist eine Deutung als rein männlicher Personenkreis in so gut wie allen Fällen sicher.

Bitte nimm Abstand von Formulierungen wie „die ich auch für sehr intelligent halte“ so zu verwenden, wie Du es getan hast. Du implizierst, dass Menschen die Du kennst (aber auch Menschen, die Du nicht kennst; Ich z.B.) dumm seien, weil sie ein anderes Sprachmuster verwenden. Das unterstreichst Du auch durch Dein: „diese Art der Sprache“. Dein Text wirkt dadurch Beleidigend und Intolerant.

Sind geschlechterneutrale Formen nun doch halbwegs OK? Zu Beginn hast Du diese noch mit gesplitten Sprachvariationen in einen Topf geworfen und für schlecht befunden. Formulierungen die Geschlechterneutral sind anhand eines Wortes abzuhandeln und dann dies noch mit verschiedenen Auffassungen eines Wortes (Studierende) zu argumentieren wird der Thematik leider nicht einmal ansatzweise gerecht und schneidet die Intention hinter Geschlechterneutralen Formulierungen nicht einmal an.

Kommen wir nun zu deinen Ausführungen über das Binnen-I. Das Binnen-I ist KEIN Schabernack (vergleiche http://www.dwds.de/?kompakt=1&qu=Schabernack ). Bitte informiere Dich über die Bedeutung der Wörter die Du benutzt, bevor Du diese verwendest.

Was sind bitte Deiner Meinung nach „ausgeprägte Feministinnen“ und „ausgeprägte Feministen“?

Du vermischt unterschiedliche Abstufungen einer Forderung nach mehr Gleichstellung in der Sprache. Warum ist es denn Schlimm den Begriff der Landeshauptfrau generell einzuführen für das oberste Amt der Bundesländer? Weil dies in den Meisten Fällen den in dieser Position sitzenden Männern nicht gerecht wird? Warum musste Gabi Burgstaller 2004 (!) darum kämpfen Landeshauptfrau genannt zu werden? Warum bestand der Vertreter dieser Landeshauptfrau darauf Landeshauptmannstellvertreter genannt zu werden, obwohl dies nicht der Landeshauptfrau gerecht wird?
Dies nur als Anregungen zum nachdenken darüber, warum es „wünschenswert“ sein kann die eingefahrenen Strukturen durch Verwendung der weiblichen Form aufzubrechen und ins Bewusstsein zu holen. Wieso liest es sich komisch etwas durch die Reißwölfin zu drehen? Warum schreiben Menschen so etwas? Es geht ganz einfach darum Frauen (in diesem Fall durch weibliche Sprachformen) sichtbar zu machen. Das ist auch nichts Neues. Ein wichtiges Instrument zur Erreichung der Gleichstellung von Frau und Mann ist es erst einmal ein Bewusstsein für die starke Ungleichheit zu schaffen. Dies kann z.B. durch solche „Wortkreationen“ geschehen.
Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick schlüssig, auf den zweiten Blick auch logisch, wenn Interessierte bereit sind diesen Blick zu wagen. Die Intention einer Ersetzung von männlichen Sprachformen durch weibliche Sprachformen ist nicht „Schlechtes durch gleich Schlechtes zu ersetzen“. Es geht dabei um eine positive Diskriminierung von Frauen.
Positive Diskriminierung funktioniert folgendermaßen:
Eine Gruppe A ist einer Gruppe B gegenüber massiv im Vorteil. Nun wird Gruppe B solange positiv diskriminiert, bis eine Gleichstellung erreicht ist. Es geht nicht darum Gruppe B gegenüber Gruppe A in einen massiven Vorteil zu bringen, so dass ein umgekehrtes Ungleichgewicht hergestellt wird. Wichtig in meiner Ausführung ist hier das „bis eine Gleichstellung erreicht ist“.

Des weiteren ist es beleidigend Menschen als Witzbolde zu bezeichnen, die sich anders als Du ausdrücken. Das Wort „man“ unterscheidet sich in der Aussprache überhaupt nicht vom Wort „Mann“, weswegen ich es für verständlich halte, wenn Menschen dieses nicht verwenden und durch andere Worte ersetzen möchten und das auch tun. Außerdem kommt dort das Argument der Sichtbarmachung von Frauen zum Tragen. Die gemeinsame Wortherkunft mag ich Dir nicht abstreiten ( ich habe nie Germanistik studiert und bin daher nicht in der Lage die exakte Wortherkunft herzuleiten; Du?)
Die Argumentation, man/frau müsse in man/fra geändert werden, entbehrt jeder mir bekannten Logik. Wortbedeutungen können nicht an der Anzahl der Buchstaben gemessen werden. Entschuldige bitte den Vergleich, aber das erscheint mir eine Argumentation zu sein nach dem Motto: „Wenn ich keinen Lolli bekomme, sollen die anderen auch keinen bekommen. Wir wollen schließlich fair bleiben.“

Nicht nur Dich fragen Erstsemestrige, ob im Frauenreferat Sinnvolles gemacht wird. Bei weiterem Nachfragen wird relativ schnell klar, dass diese von der Gesellschaft ein Bild präsentiert bekommen, dass es an Feminismus Interessierten hauptsächlich darum ginge Männer zu unterjochen und Frauen als alleinige Herrscherkaste einzusetzen. Dadurch wird natürlich ein reflektierter Umgang mit dem Wie und Warum des Feminismus und der Veränderung der Sprache unmöglich gemacht. Wer sich nicht selber mit dem Thema beschäftigt und nur die Gesellschaftsmeinung aufschnappt, bekommt fälschlicherweise den Eindruck, dass alles gut ist wie es ist und eine Veränderung der Sprache nur Probleme brächte.
Ich behaupte mal, dass würden Frauen und Männer die sich so immens gegen Veränderungen sträuben annähernd so viel Energie in die Beschäftigung mit den Zielen und der Herangehensweise des Feminismus stecken, wie in die Beibehaltung des Status quo, wären viele der Missverständnisse und viele der zum Teil inhaltlich falschen, diskreditierenden und beleidigenden Artikel, die ich bisher lesen durfte, längst verschwunden.

Und deshalb wirst Du, Stefan mich auch nur in absoluten Ausnahmefällen „still sitzen“ sehen, wenn ich solche Texte wie Deine in die Hände bekomme.

MOe

[1: Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist ein Auszug aus einem Kommentar, der im auf der Website des Pressereferats der HTU in voller Länge nachzulesen ist bzw. im Sekretariat der HTU aufliegt.]
Topic revision: r5 - 29 Mar 2011 - 21:00:05 - Main.UnknownUser
 

Herausgeberin:
Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Technische Universität Wien
(Vorsitzender: Lukas BÜRSTMAYR)
Wiedner Hauptstraße 8-10
1040 Wien
T: +43-1-58801-49501
F: +43-1-58691-54
sekretariat@htu.at