Gender, Splitting und der ganze Rest

In der heutigen Zeit macht sich unter dem Deckmantel der - absolut zu begrüßenden - Gleichstellung von Männern und Frauen eine seltsame Veränderung der Sprache breit. Gemeint sind so genannte geschlechtergerechte Sprache, Splitting, das Binnen-I und geschlechtsneutrale Formulierungen.
Während sie von manchen Personen sowie Fraktionen offenbar als Allheilmittel gesehen werden, halte ich diese Entwicklung für höchst bedenklich. „Warum bedenklich?“, könnte man jetzt fragen. „Schließlich ist Gleichstellung ja eine erstrebenswerte Entwicklung!“ Nun, meiner Meinung nach ereicht man durch diese seltsamen Auswüchse der Sprache gar nichts, außer dass man Menschen um sich herum verärgern kann. Oder hat es irgendjemandem etwas gebracht, dass es nun beispielsweise Studierende oder Studentinnen und Studenten oder StudentInnen anstatt simpel Studenten heißen soll. Hat irgendeine Frau deshalb für gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie ein Mann bekommen? Wohl kaum! Das ist eine Forderung, die, obwohl sie gesetzlich verankert ist, noch immer in der „realen“ Welt weitgehend nicht umgesetzt ist, und die absolut unterstützenswert ist.
Was habe ich aber, wenn ich grundsätzlich für Gleichstellung von Mann und Frau bin, dagegen, zu splitten beziehungsweise „gendergerecht“ zu formulieren? Die Erklärung ist einfach: Jeder, der („gesplittet“ müsste es heißen: Jeder oder jede, der oder die…) einmal versucht hat Gesetze zu lesen, wird mir Recht geben, dass beide Formen aufzuführen (Studentinnen und Studenten) auf Dauer zu komplizierten und unverständlichen Sätzen führt (siehe erste Klammer in diesem Satz), und da Sprache primär ein Mittel zur Verständigung ist, kann ich das nur ablehnen, auch wenn die Grundidee vielleicht sogar gut und innerhalb von Gesetzen auch durchaus notwendig ist. Warum dennoch inzwischen auch Personen, die öfter mit Gesetzen zu tun haben, und die ich auch für sehr intelligent halte, diese Art der Sprache propagieren, ist mir unklar und kann wohl nur auf die fortgeschrittene Propaganda (lat: für den Dummen) seitens Feministinnen und Emanzen (Emanze ≠ emanzipierte Frau) zurückgeführt werden.
Geschlechtsneutrale Formulierungen (Studierende) wiederum sind vielleicht als Kompromiss geeignet, jedoch drücken sie nicht immer das Gewollte aus. Studenten (oder wenn man so will: Studentinnen) zum Beispiel sind Personen, die auf einer Universität inskribiert sind. Studierende jedoch sind meiner Meinung nach Personen, die ihrem Studium auch nachgehen. Also auf Dauer wohl auch keine Lösung, wenn auch schon eleganter, als beide Formen zu verwenden. Kommen wir nun zum Binnen-I (StudentInnen) und ähnlichem Schabernack. Das Problem dabei ist, dass es dafür keine allgemein gültige Ausspracheregelung gibt [Es gibt Ausspracheregeln für das große I, siehe Beginn des Themenschwerpunktes; Anm. d. Red.]. Man lese nur einmal folgende Frage laut vor: „Wie viele StudentInnen habt ihr auf der Physik?“ Und dann frage man sich ob das, was man da gefragt hat wirklich das ist, was da auch steht.
Ausgeprägte Feministinnen und in letzter Zeit auch Feministen sind nun der Meinung, dass jetzt so lange nur die Männliche Form verwendet wurde, dass es jetzt nichts ausmacht, ja sogar wünschenswert sei, nur die weibliche Form zu verwenden, was bisweilen zu merkwürdigen neuen Wortkreationen führt. Beispielsweise habe ich mir sagen lassen, dass es Leute gibt, die ihre Dateien in einem Ordnerinnensystem ablegen oder gelesen, dass die Sprache durch die „Reißwölfin“ gedreht gehöre.
Diese Argumentation hört sich auf den ersten Blick schlüssig an, auf den zweiten Blick jedoch sieht man einen gewaltigen Haken. Wenn es so böse ist, nur die männliche Form zu verwenden, dass es unbedingt und am besten vorgestern geändert gehört, dann ist es folglich auch genauso schlecht nur die weibliche Form zu verwenden, und wenn man schon künstlich in die Sprache eingreifen will, anstatt sie sich entwickeln zu lassen, was besser wäre, dann doch nur um sie zu verbessern, und nicht um Schlechtes durch gleich Schlechtes zu ersetzen. Des Weiteren gibt es noch Witzbolde, die das Wort „man“ unbedingt durch „Mensch“ oder „man/frau“ ersetzen wollen, da es sexistisch sei. Dem kann ich nur entschieden widersprechen, denn „man“ hat die gleiche Wortherkunft, wie „human“, also „menschlich“. Diejenigen, die „Mensch“ statt „man“ sagen liegen also gar nicht so falsch. Wenn es auch holpriger klingt, ist es zumindest richtig. Denkt man diesen Gedanken weiter, so könnte man sagen, dass jene, die „man/frau“ sagen, Sexisten sind, da für sie Frauen offenbar keine Menschen sind, aber ich will ja nicht wortklauberisch sein. Wer jedoch der Meinung ist, dass das mit der Wortherkunft Blödsinn war, und „man“ doch von „Mann“ kommt, der soll einmal überlegen, wie es dann geschlechtergerecht heißen müsste. Die „geschlechtergerechte“ Version dieses kleinen Wortes wäre dann nämlich „man/fra“, denn wenn der „Mann“ schon einen Buchstaben verliert und kleingeschrieben wird, dann doch bitte auch die „Frau“. Wir wollen schließlich fair bleiben.
Warum schließlich regt mich das alles so auf, dass ich sogar einen Artikel darüber schreibe?
Erstens: Ich habe Studienkolleginnen, die der Meinung sind, man sieht sowieso, dass sie weiblich sind, und wer das nicht sieht solle sich eine Brille kaufen. In der Sprache müsse man das nicht unbedingt sehen, wichtig sei nur, dass man ihnen den gleichen Respekt entgegenbringt wie einem Mann. Wenn diese Frauen aber dieser Meinung sind, dann spricht die „Gender-Bewegung“ schon mal nicht im Namen aller Frauen, ich glaube sogar, dass der Anteil derer, die sie für Schwachsinn halten (Männlein wie Weiblein) gar nicht so gering ist. Man hört eben meistens nur die, die am lautesten schreien, und das sind im Moment eben die „Genderer“, aber lauter heißt nicht unbedingt richtiger oder besser.
Zweitens: Ein Erstsemestriger fragte neulich ob das Frauenreferat auch sinnvolle Sachen macht, oder nur aus ein paar extremen Feministinnen besteht, die sich gern reden hören, und war ganz überrascht, dass ersteres zutrifft. Hier beginnt die Sache gefährlich zu werden, denn wenn man vom Streben nach Gleichberechtigung im Großen und Ganzen nur ein paar Wortklaubereien mitbekommt, dann entsteht fälschlicherweise der Eindruck, dass das alles eh nicht so schlimm sein könne, weil die Frauen keine anderen Probleme haben als die Sprache. Ich behaupte mal, dass, würden die Frauen und Männer, die sich der „Gender-Bewegung“ zugehörig fühlen annähernd so viel Energie in das Erreichen und die Umsetzung echter Gleichbehandlung (der schon erwähnte gleiche Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Berufschancen, gleiche Bildungschancen für Burschen und Mädchen, etc) gesteckt, wie in die Umkremplung der Sprache, wären viele dieser meiner Meinung nach wichtigen Ziele schon längst erreicht worden.

Und deshalb wird man mich auch nur in absoluten Ausnahmefällen „splitten“ sehen.

Stefan

+ Im Widerspruch zu dem Argument der „Sprachspielerei“ und der „Unwichtigkeit“ steht gewöhnlich die Heftigkeit und Emotionalität der Abwehr, die gegen einen geschlechtergerechten Sprachwandel aufgewendet wird. So unwichtig ist die Änderung von Sprachgewohnheiten offensichtlich wieder nicht, daß Mann sie einfach akzeptieren und damit auf einige Bevorzuguung verzichten würde. Die Energie, die darauf verwendet wird, die Einführung geschlechtergerechten Sprachgebrauchs zu verhindern, ist vermutlich größer als die, die es kosten würde, eine Änderung zu akzeptieren. - aus „Kreatives Formulieren. Anleitungen zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch“, M.Kargl/ K.Wetschanow/ R.Wodak/ N.Perle, Juli 1997
Topic revision: r3 - 29 Mar 2011 - 21:00:04 - Main.UnknownUser
 

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